Dienstag, 11.September - verstehen heißt nicht billigen

Plädoyer für „ein Körnchen historisches Bewußtsein“

Der Schock und der Staub haben sich nach dem verbrecherischen Anschlag gelegt, mit schwerem Gerät wird der Schutt weggeräumt in der Hoffnung, wieder zurückzufinden zur zur Normalität. Eine Nation, ja, eine ganze Zivilisation erwacht aus ihrer Betäubung und findet sich plötzlich konfrontiert mit Milzbrand, einer Krankheit, deren heimtückische Erreger ebenso unsichtbar sind wie die Terroristen, die für ihre Verbreitung verantwortlich gemacht werden. Zur Abwehr werden Bomben eingesetzt und Antibiotika, immer schärfere Sicherheitsmaßnahmen werden als Quarantäne über das Land verhängt und ersticken nach und nach die alten Rechte menschlicher Freiheit. Anstatt Trauer herrscht Hysterie, anstatt Besinnung herrscht Panik.

Zu Risiken & Nebenwirkungen ...

„Lasst uns gemeinsam trauern. Aber lasst nicht zu, dass wir uns gemeinsam der Dummheit ergeben“, so sagte mutig genug noch am Tag des Verbrechens die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag vor den Gästen der American Academy in Berlin, und sie meinte damit jenen unseligen Ruf des Amerikanischen Präsidenten nach Vergeltung. Stattdessen empfiehlt sie: „Ein Körnchen historisches Bewußtseins könnte uns dabei helfen, das Geschehene und das Kommende zu verstehen“. [FAZ 15.9.01]  Auch Peter Scholl-Latour, der wie kaum ein anderer die arabische Welt kennt, mahnte in einem ZDF-Interview, „trotz aller berechtigter Abscheu und Betroffenheit nicht auf Vergeltung zu sinnen, sondern auf Verständnis, denn erst so können wir unsere eigene Verstricktheit in das Verbrechen erkennen.“ Das ist es, worauf wir unseren Blick zuerst lenken sollten: unsere eigene Verstricktheit! Vom „größten Verbrechen, das die Menschheit je erlebt hat“, sprachen da eifrige Reporter - und niemand erinnerte sie sofort an Holocaust, Hiroshima oder Vietnam. Ein Verbrechen wird doch dadurch, daß man es mit größeren vergleicht, nicht kleiner. Aber es wird dadurch, daß man es mit den eigenen, größeren Verbrechen  nicht  in Beziehung setzt,  unermeßlich groß. Der „Terror“ ist ja nicht das Böse irgendwo draußen in der Welt, sondern die Folge all des Bösen, was wir der Welt seit  Jahrhunderten antun. Diese Relation erst rückt Ursache und Wirkung zurecht.
„Als sei es die furchtbarste Schändung der Pietät, Aufkündigung des Mitgefühls mit den Opfern, Verletzung der Abscheu-Pflicht, wenn man darüber nachzudenken begänne, wie die in anderen Weltteilen grassierenden amerikafeindlichen Stimmungen mit dem politischen Handeln der Weltmacht möglicherweise - möglicherweise! - zusammenhingen“, so sagte Claudia Wolff in einer Rundfunksendung [SWR2 Eckpunkt] am 28.9., und der amerikanische Politologe und Asien-Experte Chalmer Johnson brachte es vier Tage nach dem Anschlag in einem Spiegel-Interview auf den Punkt: „Die Völker, die Amerika hassen, haben leider ein Motiv“. Unsere Politiker und Experten hätten allen Grund, das anzuerkennen und auch auf Europa zu beziehen.

Kolonialismus, Rassismus, Imperialismus, für die betroffenen Völker - über 80% der Welt! - bedeutete dies über Jahrhunderte Ausbeutung, Unterdrückung, Sklaverei. Erst dadurch konnten wir unseren Reichtum aufbauen! Und was heute so smart als „Globalisierung“ daherkommt, das ist dies alles zusammen in vielfacher Vergrößerung. Lange genug also konnten sich dort Motive ansammeln, uns zu hassen. Wohlgemerkt, es geht mir hier nicht darum, diesen Haß und das daraus resultierende Verbrechen zu billigen. Nein, es geht mir darum, ihn zu verstehen, um unsere  eigene Verstricktheit darin zu erkennen.

Wenn Peter Struck, der SPD-Fraktions-Chef im Bundestag, sagte: „Heute sind wir alle Amerikaner“, so kann ich ihm dann - und nur dann - zustimmen, wenn damit unser Anteil an der Ursache für das Verbrechen mitgemeint ist.

... lesen, hören und sehen Sie alles mit wachen Sinnen ...

Da soll jetzt keiner behaupten, man hätte ES nicht kommen sehen. Das, was wirklich geschehen ist, die Details, konnte man vielleicht so nicht voraussehen, aber ES wurde seit Jahren in zahllosen Varianten in Hollywood imaginiert und produziert. Und konsumiert! Millionen Amerikaner (und Europäer! Ich meine, wenn ich hier von „Amerika“ rede, im Sinne von Peter Struck immer uns alle mit!) gaben in den letzten Jahren ihr Geld dahin, ES auf der Kinoleinwand zu sehen - vorauszusehen mit jenem gruselig-geilen Schauer, der nun genau dieselben Leute an den Fernseh-Bildschirmen wieder überkam, als da in endlosen Wiederholungen etwas Bekanntes, Vertrautes, im zahllosen Filmen bereits Erlebtes in grausamster Realität Gegenwart wurde.
Die „Terroristen“ brauchten doch nur all die „Independence Day“ und „Air Force Nr. 1“- Filme genau zu studieren, um zu wissen, wie und wo sie Amerika mitten ins Mark treffen konnten: nämlich dort, wo die aus  kollektiven Schuldgefühlen gewachsenen Angstphantasien längst Verwundbarkeit signalisierten, weil sie unbewußt nach Bestrafung verlangten.
Nun aber, da nicht Hollywood das Schreckliche inszenierte, wird der Unterschied deutlich sichtbar zwischen selbst-inszeniertem Horror und dem realen Terror: Dort im phantasierten Hollywood-Desaster erlöste sich Amerika immer in letzten Minute selbst durch den Heldenmut eines Retters aus den eigenen Reihen und entging so seiner befürchteten Bestrafung. Man konnte nach diesen Filmen aus den Kinos hinausgehen in die Alltagswelt und so weitermachen, als wäre nichts
geschehen.

Hier aber, wo es nun plötzlich keinen Helden mehr gab, der sich dem Desaster in letzter Sekunde hätte entgegenwerfen können, um die Nation zu retten, hier wird das Schreckliche wahr und das Geheime offenbar: eine ganze Nation muß plötzlich
feststellen, daß es geschehen ist - daß sie bestraft worden ist. Bestraft für Fehler und Vergehen, die sie nie gelernt hat zuzugeben, nie geübt hat auszusprechen, ja, nicht einmal gewagt hat zu denken. Nun drängen sich auf einmal die vernichteten Indianer, die versklavten Neger, die ausgebeuteten Afrikaner und Indios und Asiaten, die verachteten Moslems, die vielen zur eigenen Machtentfaltung mißbrauchten und dann fallengelassenen Minderheiten ins schlechte Gewissen: Millionen Menschenschicksale klagen an.

Der französische Philosoph  Jacques Derrida, der am 23. September den Theodor W. Adorno-Preis erhielt, mahnte bei diesem Anlaß:
„Das ist meine Interpretation dessen, was jene Gerechtigkeit sein müßte, die (...) „grenzenlose Gerechtigkeit“ heißt: von den eigenen Fehlern, dem eigenen Unrecht, den Irrtümern der eigenen Politik sich nicht freisprechen, und sei es auch in dem Augenblick, da man einen furchtbaren Preis dafür bezahlt.“

... und lassen Sie sich das Denken nicht verbieten !

Als der Amerikanische Präsident den „monumentalen Kampf zwischen Gut und Böse“ ansagte, da spätestens hätten alle aufmerken müssen, die noch den Mut hatten, selbst zu denken. Das hier gemeinte Böse erhielt seine Stärke immer als Verbündeter jener Macht, die Verbrechen mit zweierlei Maß mißt, je nachdem, ob es ihr nützt oder schadet. So lange Bin Laden und Saddam Hussein für Amerikas Interessen kämpften, waren sie auf der Seite des Guten. Und die zynische Maxime
dieses „Kampfes zwischen Gut und Böse“ entspricht ganz der Moral des Alten Testaments: „Wir werden die Verbrechen unserer Feinde bestrafen und die Verbrechen unserer Freunde belohnen.“ Haben wir vergessen, daß einst auch der Chilenische Putsch die Interessen Amerikas unterstützen sollte? Die Bösen der Welt, die Ex-Freunde Amerikas, haben es nicht vergessen. Es war nämlich vor genau 28 Jahren, es war ein Dienstag und es war der 11. September, als mit amerikanischer Unterstützung einer der ihren - General Pinochet - im Auftrag Amerikas über Leichen ging.

„Seit 28 Jahren“, schreibt der chilenische Schriftsteller Ariel Dorfmann, „ist der 11. September für mich und Millionen anderer Menschen ein Trauertag. An diesem Tag trat der Tod unwiderruflich in unser Leben und lenkte es aus seiner Bahn. Das Datum des 11. September könnte für die Nordamerikaner eine symbolische Qualität annehmen. Jetzt, wo sie am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, Opfer zu sein, jetzt wo sie sich klar werden, was es heißt, tausende Vermißte zu haben, jetzt werden sie die vielen über den Globus verstreuten Varianten des 11. September, das ähnliche Leiden, das so viele Völker und Länder teilen, besser verstehen können.“

Es war ebenfalls ein an einem Dienstag, als George Bush sen., der Vater des jetzigen Präsidenten, am 11. September 1990 seine „Neue Weltordnung“ verkündte, jene zur Weltreligion erhobene „Globale Marktwirtschaft“. Diese diente nicht nur als Legitimation des unmittelbar bevorstehenden Golfkrieges, sondern sie sollte nach dem Zusammenbruch des Kommunismus die endgültige Welthegemonie Amerikas begründen. Die „Armen Völker“ der Welt kennen also die Symbolkraft des 11. September. Kolonialismus, Rassismus, Imperialismus: für die betroffenen Menschen - über 80% der Welt! - bedeutete dies über Jahrhunderte Ausbeutung, Unterdrückung, Sklaverei. Erst durch diese Verbrechen konnten wir den Reichtum unserer „zivilisierten Welt“ aufbauen! Und seit jenem 11. September 1990 hat dies alles nun einen neuen Namen und kommt nun als „Neue Weltordnung“ und „Globalisierung“ daher.

Aber das Trauma des 11. September sitzt tiefer. Die islamisch-osmanischen Türkenheere, die seit ihrem Sieg 1389 über die Serben auf dem Amselfeld („Kosovo polje“) unablässig versuchten, ins christliche Mitteleuropa vorzudringen, erlitten am 11. September 1697 durch Prinz Eugen in der Schlacht bei Zenta (Senta) ihre entscheidende Niederlage und mußten sich danach in den südlichen Balkan zurückziehen. Diese Demütigung ist immer noch nicht verwunden, ja, sie wird bis in die Gegenwart grausam eneuert, wie die bis heute andauernden Balkankriege deutlich machen.

Völker haben ein langes Gedächtnis. Deshalb dürfen wir uns nicht wundern, daß sich dort, wo heute „Terrorismus“ diagnostiziert wird, seit Jahrhunderten Motive angesammelt haben, uns zu hassen. Wohlgemerkt, es geht mir hier nicht darum, diesen Haß und daraus resultierende Verbrechen zu billigen. Es geht mir darum, ihn zu verstehen und unsere eigene Verstricktheit darin zu erkennen. Verstehen“ heißt nicht „billigen“. Verstehen heißt, sich Klarheit zu verschaffen über Zusammenhänge und Hintergründe, über Ursachen und Motive, über Absichten und Lügen. Ein „Körnchen historisches Bewußtsein“ kann dabei viel helfen.

Begriffe wie „Zivilisierte Welt“,  „Terrorismus“ oder „Globalisierung“ bleiben Schlagworte, so lange wir sie nicht verstehen. Und Schlag-Worte sind ebenso Waffen wie Bomben oder Antibiotica. Solche Waffen wirken - ohne Verstand eingesetzt -  wie Arzneimittel, die wir verwenden, ohne ihre Nebenwirkungen zu kennen.

 „Terrorismus“ ist immer auch Befreiungskampf, angereichert allerdings  durch Verzweiflung. Und Verzweiflung ist eine schlimme Nebenwirkung des Arzneimittels „Unterdrückung“, mit dem wir das weltweite Krankheits-Symptom „Armut“ bekämpfen.
Aber  nicht die Armut ist die Krankheit der Welt, sondern der Reichtum. Deshalb gilt es - und das ist die Botschaft des 11. September -  die Ursache der Armut zu bekämpfen, und die liegt in der ungleichen Verteilung der Güter dieser Welt und in der Ungerechtigkeit, mit der wir, die „Zivilisierte Welt“, dieses Ungleichgewicht aufrechterhalten. Mit aller Gewalt. Ohne Rücksicht auf Nebenwirkungen.

Ludwig Schmidt-Herb, Postfach 105005, D-69040 Heidelberg
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