Bundestagsfraktion Bündnis 90/DIE GRÜNEN

Herzinfarkt


Was Sie wissen müssen

Wer hat Angst vor einem Infarkt? Neun von zehn Frauen sagen: ich nicht.

Weil sie den plötzlichen Herztod durch den Verschluss eines Herzkranzgefäßes immer noch für eine typisch männliche Art zu sterben halten.

Ein Irrtum, denn pro Jahr bekommen 130.000 Frauen in Deutschland einen Infarkt. Rund die Hälfte von ihnen überlebt ihn nicht. Besonders die Altersgruppe der Frauen zwischen 35 und 45 macht Herzspezialisten zunehmend Sorgen. Denn während bei den Männern die Infarktrate in den letzten 20 Jahren um rund ein Fünftel zurückgegangen ist, ist sie bei jüngeren Frauen um über 50 Prozent gestiegen. Einer der Gründe dafür: Frauen rauchen immer häufiger, und sie fangen immer früher damit an. Besonders riskant wird es,
wenn noch andere Risikofaktoren hinzukommen - wie die Pille, eine Neigung zu Thrombosen, ein zu hoher Blutdruck oder eine (womöglich unerkannte) Zuckerkrankheit. "Dann sind selbst ganz junge Frauen nicht vor einem Herzinfarkt gefeit", sagt Prof. Ingeborg Siegfried, Vorsitzende der Gesellschaft für Prävention und Rehabilitation von Herz-Kreislauf-Krankheiten.

Untypische Beschwerden

Viele Frauen kommen nicht im Traum auf die Idee, dass ihre Herzkranzgefäße gefährlich eng geworden sind und ihnen ein Infarkt droht (medizinisch: Angina pectoris). Denn häufig fehlen bei ihnen das typische Engegefühl und die Schmerzen im Brustkorb, die bei Männern sofort an eine Angina pectoris denken lassen.

Doch welche Frau tippt schon auf das Herz, wenn ihr bei Anstrengungen übel wird oder sie aus der Puste kommt? Auch ein unerklärlicher Druck im Oberbauch oder ein Knick in der Leistungskurve werden von Frauen - und von ihren Ärzten - eher auf Stress oder seelische Belastungen geschoben als auf eine Herzerkrankung. Zudem erleben nur etwa zwei Drittel der Infarktpatientinnen den "klassischen" Schmerz in der Brust, der in den Arm ausstrahlt. Oft äußert sich der Infarkt bei Frauen mit untypischen Beschwerden wie plötzlichen Bauchschmerzen, Erbrechen oder Schmerzen zwischen den Schulterblättern - und wird deswegen für eine Gallenkolik, Magen-Darm-Grippe oder Rückenschmerzen gehalten.

Weil sie nicht mit einem Infarkt rechnen, warten Frauen häufig erst mal ab. Im Schnitt rufen sie fast eine Stunde später als männliche Herzinfarktopfer den Arzt. Hinzu kommt: Weil sie allein leben oder nicht arbeiten gehen, sind Frauen bei einem Infarkt viel häufiger als Männer allein zu Hause - und rufen keine Hilfe, weil sie niemandem zur Last fallen wollen. So wird wertvolle Zeit verloren, die über Leben und Tod entscheiden kann. Denn die Chance zu überleben und die Belastbarkeit und Lebensqualität nach einem Infarkt hängen unter anderem davon ab, wie schnell der Verschluss der Herzkranzgefäße mit Medikamenten beseitigt oder mit einem Ballonkatheter
aufgedehnt werden kann.

Frauen werden schlechter behandelt

Selbst wenn sie schnell den Notarzt rufen und sofort in die Klinik kommen, haben Frauen schlechtere Aussichten als Männer, den Infarkt zu überleben.
Eine neue amerikanische Studie zeigt, dass das wider Erwarten nicht daran liegt, dass Herzinfarktpatientinnen im Schnitt älter sind als betroffene Männer. Auch Frauen unter 50 hatten in der Studie ein doppelt so hohes Risiko wie Männer, in der Klinik zu sterben. Zum einen, weil Frauen öfter lebensgefährliche Komplikationen wie beispielsweise Herzrhythmusstörungen haben. Möglicherweise spielt aber auch eine Rolle, dass bei Frauen länger gezögert wird, bis ein Herzkatheter geschoben wird. Unter anderem deswegen, weil Herzerkrankungen bei Frauen nach wie vor einfach weniger deutlich ernst genommen werden als bei Männern, so Dr. Vera Regitz-Zagrosek, Professorin für frauenspezifische Gesundheitsforschung am Deutschen Herzzentrum in Berlin.

Und auch wenn das Gröbste überstanden ist, läuft es oft alles andere als optimal. Viele Ehefrauen und Mütter glauben, dass sie Haushalt und Familie nicht im Stich lassen können - und verzichten auf eine Rehabehandlung, um wieder auf die Beine zu kommen. Andererseits hören berufstätige Frauen nach einem Infarkt häufiger als Männer auf zu arbeiten, obwohl das aus medizinischen Gründen nicht notwendig wäre. Für viele die falsche Entscheidung, denn Vereinsamung und Isolation zu Hause machen oftmals
depressiv. Und das wiederum verdreifacht das Risiko, erneut einen Infarkt zu bekommen. Dr. Sabine Thor-Wiedemann

So beugen Sie vor

Eine aktuelle Studie der Uni Hamburg zeigt: 90 Prozent der infarktgefährdeten Frauen haben mindestens zwei Risikofaktoren wie hohen
Blutdruck, Rauchen, Diabetes oder zu hohe Blutfette. Deshalb: Geben Sie das Rauchen auf Rauchen bedeutet für Frauen ein vierfaches Infarktrisiko, das sofort nach dem Aufhören sinkt. Wer es allein nicht schafft, sollte sich professionelle Hilfe suchen (z.B. über das Rauchertelefon des Deutschen
Krebsforschungszentrums, Tel. 06221/424200).

Bauen Sie Übergewicht ab Optimal ist ein Taillenumfang unter 80 cm, ab 88 cm steigt das Infarktrisiko deutlich an.

Bleiben Sie in Bewegung Wer eine halbe Stunde täglich zügig zu Fuß geht, kann sein Infarktrisiko um 30 Prozent senken.

Verhüten Sie bei Risikofaktoren möglichst nicht mit der Pille Das gilt für alle, die beispielsweise starkes Übergewicht, hohen Blutdruck, Diabetes, erhöhte Blutfettwerte oder eine Thromboseneigung haben.

Lassen Sie beim Hausarzt einen Risiko-Check machen Dann kennen Sie Ihre Blutfettwerte, Ihren Blutdruck und Blutzuckerspiegel.
Auch der Homozysteinwert im Blut sagt etwas über das Infarktrisiko aus: Wenn der Wert dieses Eiweißstoffes zu hoch ist, ist auch das Risiko größer.

Essen und trinken Sie das Richtige
Mindestens zwei Tassen schwarzer oder grüner Tee pro Tag senken das Infarktrisiko. Sojaprodukte beugen der Arteriosklerose und damit der Angina pectoris vor. Maximal ein Glas Bier oder Wein pro Tag trinken. Tierische Fette wie Butter oder Speck möglichst oft durch pflanzliche (z.B. Olivenöl) ersetzen. Vitamin B6 (in Vollkornprodukten, Fisch, Fleisch, Bananen), B12 (in Eiern, Milchprodukten, Leber, Fleisch) und Folsäure (in Nüssen, Eiern, grünem Gemüse, Tomaten) senken den Homozysteinspiegel und verringern damit
das Risiko. Seit kurzem gibt es auch Speisesalz, das mit Folsäure angereichert ist. Und: Schon 200 Gramm Obst und Gemüse am Tag reichen, um das Infarktrisiko um 60 Prozent zu senken.

Bauen Sie Stress ab
Stress kann in Kombination mit anderen Risikofaktoren gefährlich werden.
Eine japanische Studie zeigte kürzlich, dass Schlafmangel und übermäßige Arbeitsbelastung das Risiko deutlich erhöhen. Also ausreichend schlafen, in der Freizeit genug Zeit lassen für Erholung.

Pflegen Sie Ihre Kontakte
Einsame reagieren einer amerikanischen Studie zufolge auf Stress stärker mit Gefäßveränderungen als sozial Integrierte. Wer viel allein ist, lebt oft ungesünder.

Ist es ein Infarkt?

Hochgradig infarktverdächtig ist es, wenn aus heiterem Himmel eines oder mehrere der folgenden Symptome auftreten:
- starke Übelkeit mit oder ohne Erbrechen
- Schmerzen, Brennen oder Engegefühl in der Brust
- heftige und anhaltende Schmerzen im Oberbauch, in den Armen, im
 
Unterkiefer, Hals, Nacken oder im Bereich der Schulterblätter
- plötzliche Atemnot und Schwächegefühl
- Schweißausbruch und auffällige Blässe
- Beklemmung und Todesangst

Handeln statt warten

Beim geringsten Verdacht auf einen Herzinfarkt sofort den Notarzt über 112 rufen. Nicht warten, bis der Hausarzt Zeit für einen Hausbesuch hat. Keine Zeit mit einem Herzinfarkt-Schnelltest aus der Apotheke vertrödeln, der erst ein bis zwei Stunden nach dem Infarkt brauchbare Ergebnisse liefert. Bis der Arzt kommt: Fenster aufmachen, mit erhöhtem Oberkörper hinlegen, zudecken.
Eine Aspirin oder andere Tablette mit dem Wirkstoff ASS schlucken (verbessert die Durchblutung des Herzens). Wenn vorhanden, Medikamente gegen Angina pectoris nehmen (Nitrospray, Nitrokapseln).

Für mehr Informationen:
Deutsche Herzstiftung, Vogtstr. 50, 60322 Frankfurt, Tel. 069/9551280, Fax
069/ 955128313,  w.herzstiftung.de.

Deutsche Gesellschaft für Prävention und Rehabilitation von
Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Friedrich-Ebert-Ring 38, 56068 Koblenz, Tel.
0261/309231, Fax 0261/309232,  www.dgpr.de.

Auf  www.chd-taskforce.de, der deutschsprachigen Internetseite der
"International Task Force for Prevention of Coronary Heart Disease" (einer
internationalen Initiative gegen Herzerkrankungen), können Sie Ihr
individuelles Risiko testen. Dazu gibt es weitere Ratschläge zur Prävention.

Unter  www.dhzb.de finden Sie viele Infos vom Deutschen Herzzentrum Berlin,
die sich speziell an Frauen richten.

Buchtipps:
"Frauenherzen schlagen anders", Ingeborg Siegfried und Antje
Müller-Schubert, Falken, 14,90 Euro.

"Herzinfarkt ist kein Schicksal", Hans Bloss und Ulrich Staedt, Midena,
14,90 Euro.