Das Prinzip Glück

Oder

„Die (mangelnde) Bereitschaft zum Glücklichsein“

„Es gibt Sehnsüchte, die nicht altern. Sie werden höchstens einmal, von Zeit zu Zeit, unmodern – und dann wieder, von Zeit zu Zeit, modern. Zu diesen ewig Uralten gehört das Glück.“ (Ludwig Marcuse)

Im Laufe der Geschichte beschäftigten sich alle philosophischen Schulen mit der Frage nach dem Inhalt des Glücks. „Glück ist das Losungswort aller Welt“, so Emanuel Kant, der große Philosoph der Aufklärung, welches von vielen Philosophen als „das höchste gut des menschlichen Lebens beschrieben wird.

Was bedeutet Glück oder Glücklichsein? Wie wird man glücklich? Wovon hängt das Glück ab? Liegt das Glück darin, einen Lebenssinn zu finden? Oder ausreichend materielle und/oder emotionale Sicherheit im Leben zu haben? Oder Erfolg zu haben und berühmt zu werden? Was ist das wahre Glück? Auf all diese Fragen gibt es in der Geschichte der Menschen die unterschiedlichsten Erklärungsversuche.

Auch sprachlich drückt sich der soziale Wandel in der Begriffsveränderung des Wortes Glück aus. Der sprachgeschichtliche Ursprung von Glück im Deutschen „gelücke“ und „gilucki“ (im französischen „destinée“) steht für die ursprünglichen Bezeichnungen „Beschluss, Festsetzung, Bestimmung“. Soziologisch interessant ist der Bedeutungswandel des Begriffes. Bis in die Antike zurück verweist er als „doppelte Fortuna“ auf die Wechselfälle von Glück und Unglück, symbolisiert durch die Schicksalsgöttin Fortuna. Diese Symbolik, auch durch Janus, dem römischen Gott der Tordurchfahrt sowie des Anfangs und des Endes, der oft doppelköpfig dargestellt wurde, um den Ein- und Ausgang zu symbolisieren, findet sich noch im Barock in dem Bild „der beiden Glücke, des guten Glücks und des bösen Glücks“ wieder.

Das rollende Rad der Fortuna wird dadurch zum zentralen Symbol der Wechselfälle des Leben, von „Geschick und Geschichte“.

Mit der Industrialisierung erfuhr die Bedeutung des Wortes „Glück“ eine entscheidende Wende: von der fatalistischen Abhängigkeit von äußeren Umständen und Zufällen, weg von Gegebenheiten des Schicksals zur Beschreibung innerer Zustände und der Möglichkeit, das Glück selbst herbeizuführen. Das Glück ist somit nicht mehr nur ein Thema „magischer Beobachtung“ (Novalis), sondern wird durch diesen Wandel auch zu einem Bezugsproblem „strategischen Genies“ (Carl v. Clausewitz).

Im heutigen Sprachgebrauch hat das Wort Glück im Deutschen zwei Bedeutungen: zum einen, wenn wir über bestimmte Ereignisse sprechen, im Sinne von Glück gehabt haben, also vom Eintreten eines erfreulichen aber auch unberechenbaren Ereignisses, eines Zufalls; und zum anderen wenn wir nach Bedeutungen von Zusammenhängen fragen, wie z.B. in Gedenkreden oder Todesanzeigen, wenn wir jemandem ein erfülltes Leben zusprechen.

Die Philosophen verstehen sich als Lotsen, den Menschen auf dem Weg zum Glück zu verhelfen. Manche entwickeln Utopien, versprechen die richtige Herrschaft oder die bessere Wissenschaft oder die weitreichendste Erkenntnis. Gemeinsam ist fast allen das Glück des Einzelmenschen, seiner Individualität und seiner Freiheit. Das Glück gehört in den philosophischen Theorien zum Leben wie Geburt und Tod, die Liebe und Enttäuschung, Freude und Trauer. Nur wenige setzten an die Stelle des individuellen, privaten Glückes das Wohlergehen einer Gruppe, einer Gemeinschaft bzw. des Staates. Sozialistische und kommunistische Philosophien sehen einen besseren Staat bzw. einen neuen Menschen, der dann in diesem Staat glücklich ist. In den marxistischen Wörterbüchern kommt das Wort Glück jedoch nicht vor.

Für viele der philosophischen Glücksbetrachter ist das Glück ein besonderes Gut, welches mit den Konditionen der Menschheit kaum zu vereinbaren ist. Sigmund Freud, der Vater der Psychologie, geht auch davon aus, dass es Sinn und Absicht des Lebens der Menschen ist, nach Glück zu streben, meint aber, im Einklang mit der Mehrheit der Philosophen in der Geschichte, dass dieses Ziel „im Hader mit der ganzen Welt, mit dem Makrokosmos ebenso wie mit dem Mikrokosmos“ sei. Alle Einrichtungen des Universums widersprechen diesem und es sei auch im „Schöpfungsplan“ nicht enthalten. Alles steht dem Glück entgegen: Schmerz, Krankheit, Alter, die Ungleichheit und Ungerechtigkeiten dieser Welt, die Begrenztheiten und Unzulänglichkeiten jedes Einzelnen.

In diesem kurzen Überblick werden hier nun einige in der abendländischen Geschichte wichtige philosophische Ansätze zum Thema Glück vorgestellt: Aristoteles, Epikur, Stoa, Thomas von Aquin, Kant, Meister Eckhart und Albert Schweitzer. Zuvor aber einen kurzen Hinweis über das Glücksverständnis in der chinesischen Philosophie aus dem 6. – 4. Jahrhundert vor Christus.

In der zweiten Hälfte des 6. vorchristlichen Jahrhunderts befand sich die hohe Zivilisation Chinas in der Krise. In chaotischen Zeiten wächst das Bedürfnis nach einfachen Antworten, die versprechen, das Leben schnell ändern zu können. Konfuzius war zu dieser Zeit schon 50 Jahre alt und Polizeivorsteher und er begründete eine neue Morallehre, um das Land vor dem Zerfall zu retten. Er predigte die moralische Rechtschaffenheit und die Rückbesinnung auf die alten traditionsreichen Werte der als heilig verehrten Herrscher vergangener Jahrhunderte, die Bedeutung der Familie und besonders die Tugenden der Güte und Menschenfreundlichkeit. Konfuzius konnte seine eigenen Ideen nicht für sich selbst durchsetzen, die Umstände „waren gegen ihn“. Er starb 479, 72jährig, zwar hochgeachtet aber unglücklich. Ein späterer chinesischer Philosoph Yan Chu (3. Jhr. v. Chr., zur Zeit als Konfuzius Lehren aufgeschrieben wurden) wollte nachweisen, dass Rechtschaffenheit nicht zum Glück führe und bezeichnete aufgrund der Überlieferungen von Konfuzius als „den Umhergetriebensten und Gehetztesten unter den Menschen“. Auch in der modernen chinesischen Geschichtsschreibung wird Konfuzius als resigniert und enttäuscht vom Leben dargestellt. In der weltweiten Geschichtsschreibung wird Konfuzius als der „einflussreichste aller Philosophen, die je gelebt haben“, bezeichnet.

Laotse lebte fast zur gleichen Zeit wie Konfuzius, er war ca. 45 Jahre vor ihm geboren und lehrte genau das Gegenteil: Nichts müsse getan oder erneuert oder verändert werden. Er sah als die Ursache des ganzen Elends seiner Zeit genau die Taten jener Herrscher, die von Konfuzius verehrt wurden. Sein Konzept der Heilung lag genau im Nichtstun. Das Tun und Eingreifen sei die Krankheit der Zeit. Tiefgreifende innere Unwahrheiten hätten die Verhältnisse durchfressen und jedes Eingreifen würde diese Zustände noch verstärken (niedergeschrieben in den 5000 Worten des Taoteking von Laotse).

„Der Vollendete tut das Nichtstun“ und in seinen Augen gibt es nur eine Freiheit, nämlich die, „Mit dem Tod ins Reine zu kommen.“ „Tao“ ist der Weg und gleichzeitig auch der „Sinn des Weges, das Nichtsein und Sein, Tod und Leben, Glück und Glücklosigkeit, Wissen und Tun, Erfolg und Versagen“. Er lehrte aber nicht die reine Weltflucht und Askese, sondern der Mensch „soll in der Welt stehen und wirken, aber so, dass er zugleich innerlich gleichsam nicht von dieser Welt ist“.

Die Geschichtsschreibung nimmt an, dass Laotse auf älteres Gedankengut zurückgreift, von dem aber so gut wie nichts mehr vorhanden ist. Das Schlüsselwort des Taoteking ist Einfachheit. „Schaffen wir höchste Leere, schaffen wir feste Stille.“

Die zunehmenden Probleme in China veranlassten Laotse, das Land zu verlassen. Die Person Laotse verliert sich als Legende in der Geschichte. Er wird von seinen Zeitgenossen und den Geschichtsschreibern als glücklich bezeichnet. Sein Ziel war nicht, ins Nirvana einzugehen, sondern wie im Taoteking beschrieben „... eins zu werden mit dem Staube. Das heißt tiefes Einswerden.“ Er lebte und starb, so wie er lehrte: ohne Illusionen und ohne Bedingungen an das Leben.

Pythagoras (582 – 496), ein  Zeitgenosse Laotses, in Griechenland lebend, suchte nach einem Ur-Gesetz der Welt, nach unveränderbaren zahlenmäßigen Beziehungen der Dinge miteinander. Die mathematisch strukturierte Welt hat eine verstehbare Ordnung und Rationalität, von der die unsterbliche Seele und ihre endlose Wiedergeburt ein Teil ist. Die Seele ist Teil der kosmischen Gottheit, und das höchste Glück des Menschen ist in den Augen Pythagoras die Verwirklichung des Menschen durch die philosophische Reflexion.

„Alles Leben ist leidvoll“, so die Erkenntnis des indischen Königssohnes Siddharta, im 5. Jahrh. v. Chr. Lebend. Im Alter von 29 Jahren gab er ganz in der überlieferten indisch-brahmanischen Tradition sein weltliches Leben auf: seine Frauen, seinen Sohn, seine Eltern, seine Zukunft als Herrscher, um Leid, Tod und Verlust zu überwinden, indem man durch sie durch geht, um das Glück einer unbeschreiblichen radikalen Befreiung zu erfahren. Siddharta wurde, wie so viele, ein wandernder Asket. Die Erleuchtung unter dem Feigenbaum (die ihm den Namen Buddha, der Erleuchtete einbrachte) war eine erlösende Erkenntnis: Die trostlose Kausalkette von Geburt, Alter, Krankheit und Tod ist die Folge eines intensiven Bedürfnisses zum Leben, welche aus dem „Durst“ der Begierde entsteht. Sein Hauptanliegen war die Überwindung des Leidens in der Welt. Nicht die mystische Einheit mit dem Göttlichen, die Unsterblichkeit oder die Freiheit vom Leiden bringt das Glück, sondern der Ausstieg aus der Ruhelosigkeit, des sich ständig erneuernden Weltdaseins, ein schrittweises bewusstes Hineingehen ins Nicht-Sein, ins Nirvana bringt die Erlösung und damit das Glück. Buddhas Weltbild unterscheidet sich von der brahmanischen Tradition, da alle die Wirklichkeit auf ein ewig Seiendes zurückführen, dem eine oder mehrere Substanzen zugrunde liegen. Für Buddha gibt es auf der Welt nichts Beharrendes, die Welt befindet sich in einem unaufhörlichem Wandel. Buddha starb ca. 480 v. Chr..

Auch der Buddhismus hat im Laufe der Jahre viele Wandlungen und Vermischungen erfahren. In den westlichen Unterhaltungsgesellschaften hat der Buddhismus in den letzten 20 Jahren eine Renaissance erfahren, eine neue Spielart in dem Fragespiel „Wer bin ich?“, in der Hoffnung, Antworten auf der Suche nach dem Glück zu finden.

Die Stadt Alexandria in Ägypten war im 3. Jahrh. v. Chr. Eine hochzivilisierte Weltstadt, regiert von dem aufgeklärtem und toleranten Ptolemäus I. Dem persönlichen Glück der reichen und gebildeten Oberschicht stand zumindest auf der äußeren Ebene nichts im Wege. Überfluss kreierte jedoch auch hier Langeweile und die Frage, die im Vordergrund stand, war: „Warum leben?“. Der Philosoph Hegesias lebte damals in dieser Stadt und war zu dieser Zeit Leiter der Philosophenschule der Hedonisten. Gründer der Schule war Aristipp, Schüler von Sokrates. Die Hedonisten sahen ausschließlich das Glück als Ziel und Motiv des menschlichen Handelns an.

Glück wurde von ihnen als Genuss, Lust und Vergnügen verstanden. Genussfähigkeit ist das höchste Glück des Menschen. Hegesias selber war aber Vertreter eines tiefschwarzen Pessimismus. Er wurde mit dem Spitznamen: „Zum Tode Überredender“ ausgezeichnet, da er Menschen auf der Straße ansprach und ihnen versicherte, dass es keinen vernünftigen Grund gäbe, am Leben zu bleiben. Selbstmord sei die beste aller Lösungen. Philosophische Argumente und Vernunftgründe wurden von den Griechen sehr ernst genommen und tatsächlich nahm die Selbstmordrate dermaßen zu, dass Ptolemäus solche Reden zu verbieten hatte.

Das älteste griechische Wort für Glück „olgos“ bedeutet Macht, Reichtum, Ehre, Kraft und Leben. In den griechischen Epochen des Epos, der Lyrik sowie der Tragödie liegt das Glück in den Händen von Übermächtigen und der Mensch wird als Spielball der Götter angesehen. Jedes Lebensglück endet jedoch vor dem Tod. Die Epik und Lyrik des antiken Griechenlandes wurden zur Grundlage des europäischen Denkens.

Im 6. und 5. vorchristlichen Jahrhunderts war das Jenseits für die meisten Menschen noch nicht erfunden. Alles, was von den Göttern zu erhoffen oder zu fürchten war, vollzog sich im hiesigen Leben. Die neue, revolutionäre Erkenntnis, dass das Glück nicht ursächlich von den Göttern zu erhalten war, sondern dass das Glück von den Gedanken abhängig oder in der eigenen Seele zu finden sei, setzte sich bei den Griechen im 4. Jahrhundert durch. Alte Wertvorstellungen wie die Ganzheit und Einheit der Welt, der göttliche Ursprung des Rechts wurden aufgelöst. Die neue Idee heiß nun: das Glück ist machbar, es kann gelehrt werden, glücklich zu sein.

Das Erlangen des Glückes wurde nun theoretisch aufgebaut, die „Lehr- und Lernbarkeit“ des Glückes setzte sich durch und seitdem erwartet der „aufgeklärte“ Teil der Erdbevölkerung das Heil nicht mehr von Göttern, sondern von den Lehrern.

Epikur (341 – 270 v. Chr.), ein maßgebender Philosoph des Altertums, setzte diese neue Utopie in seinen Lehrern um: es wird nach einem bequemen und genussreichen Leben gestrebt. Die Lust gilt als das höchste Gut. Epikur schätzte Staat und Politik gering und propagierte das Leben im privaten Kreis. Epikurische Lebensanschauungen waren im antiken Griechenland und Rom weit verbreitet. Der Ausspruch:

“Die niedrige Seele wird durch die Glücksfälle aufgeblasen, durch Unglücksfälle niedergeworfen,“ stammt von Epikur (Gnomologium cod. Paaisini 1168 – Us. 488). Er definiert als das alleinige Ziel im Leben eines Menschen das Erreichen der Glückseligkeit und will damit vor allem Unlust vermeiden.

Platon (427 – 347 v. Chr.) hat die Arbeit und Theorien von Sokrates (470 – hingerichtet wegen Gottlosigkeit 400 v. Chr.), seinem Lehrer, weitergeführt und ergänzt. Die genauen Grenzlinien zwischen Sokrates und Platon sind uns heute nicht bekannt. Platon vollzog in seinen Theorien den Wandel vom „Ochsenglück“, dem Glück der Sicherheit und Sattheit zum „Philosophenglück“, dem Glück der Erkenntnis. Gerechtigkeit stellt die Harmonie her, die Harmonie ist die Grundlage der Gesundheit der Seele – dreigeteilt in Denken, Wille und Begierde -. Wenn diese drei Facetten der Seele in Harmonie mit sich und der Umwelt sind, ist das Glück des Einzelnen erreicht. Die Idee des höchsten Guten spielt eine zentrale Rolle bei Platon: sie ist die Idee der Ideen, es ist der Endzweck der Welt. Leib und Sinnlichkeit sind die Fesseln, die den Menschen daran hindern, sich dieses höchste Gut durch die Tugenden anzuzeigen. Er rennt vier Kardinaltugenden: Weisheit, Tapferkeit, Besonnenheit, d.h. das Gleichgewicht zwischen Genuss und Askese, zwischen Strenge und Nachgiebigkeit etc. sowie Gerechtigkeit. Das menschliche Elend kommt von einem Mangel an Gerechtigkeit. Das ganze Konzept einer demokratischen Staatsverwaltung beruht auf dem Konzept der Gerechtigkeit. Das wahre Glück ist für Platon die Fähigkeit der Seele für immer ins Reich der Ideen zu entschwinden. Erreicht werden kann das, indem man nach einem tugendhaften Leben dem Kreislauf der Wiedergeburten entrinnen kann, um zu den „Inseln der Seligen“ zu kommen.

Aristoteles wurde als Vater der Philosophie des Abendlandes bezeichnet (382 – 322 v. Chr.), da er die Logik – die Wissenschaft von den Formen und Methoden des richtigen Denkens – als eigene Wissenschaft schuf. Er war ein vehementer Gegenspieler Platons, obwohl sie sich in manchen Punkten ihrer Aussagen ähneln: Aristoteles sieht es als das Beste im Leben eines Menschen an, wenn er das Beste seines Charakters zum Ausdruck bringt und sich gut und sittlich verhält. Der gute Charakter ist ein konstitutiver Bestandteil eines geglückten menschlichen Lebens. Glück ist für Aristoteles höchstes Gut und Ziel für jedermann. Glück ist für ihn kein Besitz, sondern ein Zustand, welcher sich aus der Lebenspraxis jedes Einzelnen entwickelt. Es entsteht durch die Ausübung von Leben, aus einer Vollendung seiner, in ihm angelegten Fähigkeiten, die der Mensch zu verwirklichen hat. Die Seele ist für Aristoteles Leben und Energie, die nicht vom Körper abzulösen ist, also keine Eigenenergie hat. Für ihn gibt es von daher auch kein Weiterleben nach dem Tod und das Glück kann dadurch nicht ins Jenseits verlegt werden. Für ihn gehören Geist und Tun, Tun und Glück zusammen. Leben ist alles, die Energie des Geistes ist Glück. Glück ist Leben.

Die Stoiker befanden sich im ständigen Streit mit den Epikurern, obwohl sie sich in vielen Punkten ähnlich waren. Der Gründer dieser philosophischen Schule hieß Elea Zenon, der Stoiker. Die Bewegung der Stoiker bestand über 500 Jahre neben der der Epikurer. Zum Glücksverständnis der Stoiker gehörten jedoch die Familie und die menschliche Gemeinschaft. Beide Schulen waren jedoch von der Erkenntnisfähigkeit der menschlichen Vernunft überzeugt und davon, dass sich mit der Vernunft Gedanken, Gefühle und Affekte beherrschen ließen, ähnlich wie in der Gedankenwelt des 2000 Jahre späteren Zeitalters, der Aufklärung. Platon lehrte wie die Stoiker und Epikurer, dass der Freitod eine der realen Glücksmöglichkeiten dieses Lebens sei, da er Schutz vor unerträglichem Leid biete. Die Stoiker wollten stabilisierende Verhaltensweisen und Leitbilder für die Wirren ihrer Zeit erfinden. Sie setzten deshalb Tugend mit Glück gleich und das Glück war Tugend. Glück ist gleichzeitig auch Selbstbeherrschung sowie die Treue zum Bestehenden, dadurch unterscheiden sich die Menschen von den Tieren. Die Stoiker verstanden sich als Praktiker, nicht als Theoretiker. Das Schlüsselwort der Stoiker heißt: „naturgemäßes Leben“, d.h. dass der Mensch als Vernunftwesen ein naturgemäßes Leben führt. Ein vernunftgemäßes Leben bedeutete mit nur einer einzigen Tugend, nämlich der Glückseligkeit. Im heutigen Sprachgebrauch kennen wir immer noch die stoische Ruhe und Gelassenheit von Personen.

Am Ausgang der Antike, gleichzeitig mit dem beginnenden Aufstieg des Christentums bildet das philosophische Denken der Antike noch einmal ein letzte umfassendes System: den Neuplatonismus, der sich vom 2. – 6. Jahrh. n. Chr. erstreckt. Plotin (204 – 270 n. Chr.) ist einer der bekanntesten Vertreter. Er spricht von Gott, „dem Vater aller Seelen“ und „von der Bekehrung des Einzelnen zum Ursprünglichen, um ihn emporzuführen zu dem Höchsten und Einem und Ersten“. Die Ablösung von verschiedenen Göttern zur monotheistischen Sichtweise hatte sich damit im Abendland durchgesetzt. Das Eine, das Erste, das Ewige, das Höchste, das Übergute steht bei Plotin im Gegensatz zur Materie. Dieses höchste Wesen strahlt, wie die Sonne alles Bestehende aus. Die ganze Weltseele ist Teil der Ausstrahlung Gottes und in jeder Einzelseele gegenwärtig. Das höchste Ziel des Menschen und seine Glückseligkeit bestehen darin, dass sich seine Seele mit der göttlichen, aus der er hervorgegangen ist, wieder vereint. Im Christentum finden wir diesen Ansatz wieder.

Die sittliche Grundforderung des Christentums geht über alle anderen Religionen hinaus, in dem es beschließt: „Du sollst deinen Nächsten leben wie dich selbst.“ Christus hatte alle seine Jünger ausgesandt, alle Völker zu lehren und hatte deshalb von vorneherein einen internationalen Ansatz!

Die Kreuzzüge des Mittelalters, die missionarischen Tätigkeiten im Lauf der nächsten 2000 Jahre leiten sich alle von diesem Ansatz ab. Christus selber kannte keine Standesschranken. Er wandte sich gerade an die „Mühseligen und Beladenen“. Die Institution Kirche entwickelte mit zunehmender Macht und Bedeutung aus dieser Aussage im Laufe der Jahrhunderte eine Heilslehre, die den Ansatz des Christentums als den einzig richtigen proklamierte und im Namen des Christentums weltweit ganze Völker missionarisch kolonisierte und deren Eigenidentität ausrottete. Es ist weltweit die erste Religion, die sich in solcher Breite ausdehnte und durchsetzte.

Das Kreuz, an dem Jesus starb wurde zum Symbol der Erlösung: der Weg des Schmerzes wurde dadurch ein Weg zum Heil, ja zum umfassenden Glück. Die Erfahrung, dass man den Schmerz „kleinreden“, niemals aber vermeiden kann, aber dass man durch den Schmerz hindurchgehen kann, dieser Prozess bringt eine glückliche Veränderung: eine größere Furchtlosigkeit. Das Leiden bringt einen näher zu Gott und man erreicht dadurch eine größere Erfüllung seines Lebens.

Der Schwerpunkt der Schöpfungsgeschichte liegt nicht auf der Beschreibung des Paradieses, sondern auf der Beschreibung des Sündenfalles.

Die Gnostiker (ca. 150 v. Chr. – 200 n. Chr.) waren eine Bewegung innerhalb des Christentums, die teils christliche und teils nicht-christliche Elemente altorientalischer Herkunft sowie Ideen der Philosophien von Platon, Pythagoras und dem Stoizismus zu vereinigen suchte. Die Bewegung war sehr verbreitet und für das sich neu bildende Christentum gefährlich. Eine zentrale Stellung in der gnostischen Philosophie nimmt die Frage nach der Rechtfertigung Gottes sowie Herkunft und Bedeutung des Bösen ein. Warum, so die Gnostiker, schuf der Gott der Vollkommenheit eine Welt des Bösen, aus der die von ihm geschaffenen Menschen dann erlöst werden müssen. Diese Frage erhält eine besondere Bedeutung im Christentum, da die Idee des Weltschöpfers aus dem Judentum übernommen wurde und die Welt als eine Stätte des Unheils und der Sünde angesehen wird. Die höchste Gottheit sendet ihren Sohn zur Erlösung, erinnert an die himmlische Heimat und offenbart sich, als der von Gott Gesandte: „Ich bin der Weg“, „Ich bin die Wahrheit“, „Ich bin der Hirte“, „Ich bin das Leben“.

In der Gnostik ist die Seele des Einzelmenschen nur ein Kampfplatz, in dem sich der ewige Widerstreit des Guten und Bösen abspielt. Damit stehen die Gnostiker im Widerstreit zur Würde der Einzelseele, um die es im Christentum geht. Aber auch die Gnostiker sprechen von der Trennung des Glücks von unserer Welt, vom Schicksal der Seele, die von ihrem himmlischen Ursprung, der Lichtwelt (Paradies) aus der der Mensch durch einen tragischen Fall (Sündenfall) auf diese Welt kam. Sie sprechen auch von dem Fremdsein der Seele auf der Erde, der Gefangenschaft im Leiden. Das Glück liegt für die Gnostiker in der Befreiung der Seele und ihrer Rückführung in ihre Heimat der Lichtwelt.

Augustinus (354 – 430), einer der jüngeren Väter der sich neu bildenden christlichen Kirche, hatte einen außerordentlichen Einfluss. Auch Augustinus hat ein Buch über das Glück geschrieben. Er galt als heißblütig  - ein mit ungewöhnlicher Leidenschaft und einem unstillbaren Lebenshunger versehener Mensch. Er wird außerdem als unruhiger, schillernder und hochbegabter Lebemann, aber auch als ein ehrgeiziger Student bezeichnet, der von einem Wunsch getrieben war: die Wahrheit über das Glück zu finden, das Glück der Wahrheit. Obwohl Glück nicht dieser Welt bestimmt war, musste es aber doch existieren, weil es denkbar war. In der Mitte seines Lebens erkannte er die Unzulänglichkeit und Leere des menschlichen Glückes und diese Erkenntnis veränderte sein Leben. Er studierte ernsthaft die Philosophie der Antike. Er war ein begabter Rhetoriker und wurde kaiserlicher Hofredner, einen Beruf, den er nicht leiden konnte, da er Lobesreden gegen seine eigene innere Erkenntnis zu halten hatte.

Augustinus begann seine philosophische Laufbahn als Gnostiker und wechselte im Laufe seines Lebens seine philosophischen Grundeinstellungen viele Male und setzte sich dabei als Glücks- und Wahrheitssucher, der alles wollte, mit den Grundströmungen der antiken Philosophie, insbesondere bezüglich der Frage des Glückes, auseinander. Das Glück, so Augustinus, sei eine Sache für viele. Glücklich sei der Könner, der Tüchtige, der Tätige, derjenige, der gerne tut und tut, was er kann. Alles dazu notwendige ist nach seiner Ansicht lehrbar, lernbar bzw. einübbar. In dieser Hinsicht stimmt er mit den heutigen „Happyologen“, den modernen Glücksforschern, überein. „Glücklich ist, wer Gott hat“.

Augustinus selbst war weder ein glücklicher, noch ein zufriedener Mensch. Für ihn waren die Lebensumstände nicht glücklich und er war selbst nicht in der Lage, sie für sich zu ändern. Im Leben des Augustinus spiegelten sich die Inhalte des Christentums wider: Glück und Trauer.

Evangelium heißt Frohe Botschaft und meint die Verheißung von Glück und Gnade, Erleichterung, Entlastung und Erlösung von äußeren und inneren Zwängen sowie Befreiung von alten sozialen Zwängen. Anstelle der Vernunft wurde nun das Herz mit den Eigenschaften der Liebe zum Zentrum des Ichs. Vorbehaltlos offen sollte es sein und frei von bösen Gedanken und die Liebe des Herzens galt nun nicht nur der unmittelbaren Familie und den Freunden, sondern wurde auf alle Menschen ausgedehnt: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst!“.

Wurde zuvor der menschliche Verstand überfordert, da davon ausgegangen wurde, dass der Mensch aufgrund seines Verstandes in der Lage war, die Welt zu verändern, vor allem aber seinen Teil der Welt, um darin glücklich leben zu können, trat nun die grausame Überforderung des Herzens ein. Die Frohe Botschaft verspricht ein wirkliches, strahlendes Glück, das Glück aller Heiligen, dem vollkommenen Glück, wenn man sich auf die Botschaft und ihre Forderungen einlässt.

Ende des 3. Jahrhunderts war das Römische Reich unregierbar geworden, die Städte unbewohnbar, Wohnungsnot, Armut sowie soziale Verwahrlosung und damit zusammenhängende bittere Aggressivität waren zu spüren. Armut und Traurigkeit waren nicht zu besiegen, aber man konnte ihnen beikommen, indem man sie verklärte. Christliche junge Männer aus gutem Hause, die Avantgarde der damaligen Zeit, flohen vor den nicht zu bewältigenden Problemen der Stadt in die „Liebe des Herzens“, zu „Gott allein“, in die freiwillige Armut der Mönch-Abtei. Sie bekämpften die Wünsche des Fleisches mit Hunger und strenger Askese und bekämpften alles, von dem sie glaubten, dass es in den Augen Gottes Sünde sei. Sie fanden so ihr Glück, welches so anders und frei war, dass es in den damaligen verwirrten Zeiten immer mehr Menschen anzog. Der zurückgezogene Mönch wurde zum Idol der Zeit und die Familien waren stolz darauf, einen „Heiligen“ in der Familie zu haben. So färbte das Glück wenigstens etwas auf die Familie ab.

Das Mittelalter war vom 9. – 15. Jahrhundert geprägt von der Scholastik, zu deren Vertretern Johannes Scotus aus Irland (der Karl der Große der scholastischen Philosophie), Anselm von Canterbury, Albertus Magnus, Thomas von Aquin und Dante zählen. Die geschichtliche Aufgabe der Scholastiker war, die Botschaft Jesus, der Apostel und die Inhalte der Heiligen Schrift, die von den Ptristikern zu einem System von Dogmen aufgebaut wurden, verständig zu ordnen und verständlich zu machen.

Thomas von Aquin (1225 – 1274), ein Hochscholastiker, Sohn eines mächtigen normannischen Grafengeschlechtes war ein sehr aktiver Schriftsteller. Das am Ende des 19. Jahrhunderts herausgegebene französische Gesamtwerk seiner Schriften umfasst insgesamt 34 Bände. Er war kein heißblütiger Augustinus und auch kein Eremit. Er entschloss sich, zum Entsetzen seiner hochadeligen Familie, Mönch zu werden, die alles versuchte, ihn davon abzubringen. Er wurde sogar von seinen Brüdern entführt, in einem Turm gefangen gehalten und in der Gefangenschaft wurde ein hübsches Mädchen zu ihm heruntergelassen, um ihn umzustimmen. Thomas war ein ruhiger, freundlicher und auffallend schwerer junger Mann mit dem Spitznamen: „Der stumme Ochse“. Er ließ sich jedoch von nichts beeinflussen und trat mit 19 Jahren dem Dominikanerorden bei, einem Prediger- und Bettelorden, wo er ein Leben ausgerichtet an den Prämissen des Evangeliums sowie mit den Problemen des Diesseitigen, des Glaubens und des Wissens vereinigen konnte. Dadurch war es möglich, beide Seiten in seinem Leben zu erfahren: das vollkommene und das unvollkommene Glück.

Die „Summe der Theologie“ ist sein größtes Werk und so großartig, dass es ihm schon zu Lebzeiten den Titel der „Philosophenfürst“ einbrachte. In der katholischen Kirche ist Augustinus bis heute noch nicht überholt, er wurde nach vielen theologischen Kämpfen erst 1879 zum offiziellen Kirchenphilosophen erklärt. Vieles von Thomas Denken basiert auf den Erkenntnissen von Aristoteles, er war überzeugter Aristoteliker. Die Seele ist unkörperlich, d.h. reine Form ohne Materie und rein geistig, von der Materie unabhängig. Daraus folgert er ihre Unzerstörbarkeit und Unsterblichkeit. Das Sehnen der Menschen nach Unsterblichkeit ist in seinen Augen kein Trugschluss, da die Seele als reine Form ja unsterblich ist. Sein ganzes Werk steht unter dem Leitwort Ordnen: unterscheiden und einteilen.

Die Lehren Thomas von Aquins stehen im krassen Gegensatz zu denen von Franz von Assisi. Während die franziskanische Theologie den aktiven Charakter der menschlichen Erkenntnis betont, basieren die Lehren von Thomas unter Berufung auf Aristoteles auf dem passiven, rezeptiven Charakter der Erkenntnis. Er geht von einem bildhaften Begreifen der Wirklichkeit aus. Die richtige Erkenntnis ist erreicht, wenn Bild und Wirklichkeit übereinstimmen.

Meister Eckhart (1260 – 1327), ebenfalls ein Dominikaner-Mönch, war ein Mystiker. Mystische Philosophien hat es zu fast allen Zeiten gegeben. Die ganze indische Philosophie kann z.B. als mystisch bezeichnet werden, die Sufis im Islam, der Taoismus, die Kabbala der Juden, aber auch bei den Griechen gab es verschiedene mystische Schulen. Mystische Ansätze zeigen sich z.B. auch bei Pythagoras, den Gnostikern, im Neuplatonismus. Bei den Mystikern – ursprünglich religiöse Geheimlehren – spielt die „Innensicht“ eine große Rolle. Mystiker neigen zu einer pantheistischen Erklärung der Welt: der Mensch ist Teil der Natur und die Natur ein Teil des Menschen. Das ist die Voraussetzung dafür, dass die Spaltung von Objekt und Subjekt überwunden werden kann und die Einheit des eigenen Wesens mit dem der Welt, bzw. des Göttlichen bewusst werden kann.

Meister Eckhart wurde nach seinem Tod von der Kirche als Ketzer verteufelt und viele seiner Schriften gingen so verloren. Es besteht heute noch keine kritische Gesamtausgabe.

In der Spätscholastik bahnte sich eine höhere Bewertung des Individuellen an, welches dann zum Grundelement der folgenden europäischen Kulturentwicklung wurde: die freie Auseinandersetzung mit der Antike ohne Rücksicht auf theologische Bindungen; Individualität, die hohe Wertschätzung der freien Einzelpersönlichkeit; eine Wissenschaft, die alleine auf Vernunft und Erfahrung aufbaut; eine Weltlichkeit, d.h. der nichtgeistliche Charakter des Denkens. Philosophisches Denken vollzieht sich nicht im luftleeren Raum, sondern innerhalb der jeweiligen gesellschaftlichen und geschichtlichen Atmosphäre. Die Entwicklung des Schießpulvers, die Erfindung des Buchdruckes, die Entdeckungen von Kopernikus, Columbus fand die „Neue Welt“ jenseits des Atlantik, Vasco da Gama den Seeweg nach Indien, Johannes Kepler entwickelte neue mathematische Gesetze der Planetenbewegung, Martin Luther seine Thesen von Wittenberg, um nur einige Dinge zu nennen, die die Welt völlig umwälzten.

Einher mit dieser weltlichen Entwicklung geht im Bereich des Geistesleben der Humanismus: eine neue Bewegung, so genannt, weil sie das Ideal einer an der Antike orientierten rein menschlichen, also nicht theologischen Bildung aufstellte. Der Humanismus blieb im wesentlichen Sache der Gelehrten, während die aus ihr erwachsende Renaissance alle Lebensgebiete umfasste und von allen Schichten der Bevölkerung mitgetragen wurde: Wissenschaft, Medizin und Technik, Rechts- und Kaufmannswesen, vor allem aber die bildende Kunst. Die gesellschaftlichen Entwicklungen brachten einen „einzigen Reigen schöpferischer Genies“ im 15. und 16. Jahrhundert hervor, die aus vielen Schichten innerhalb der Völker stammten. Die frühkapitalistische Produktionsweise und Verkehrswirtschaft begann die landwirtschaftliche Ordnung des Mittelalters abzulösen. Der Einfluss auf das Geistesleben, bisher in den Händen der Geistlichkeit, ging nun in die Hände von „Laien“ über. Es entwickelte sich ein Nationalbewusstsein der Völker. In England und Frankreich bildeten sich zuerst reine Nationalstaaten. Die Reformation setzte die Ent-Säkularisierung durch. Die Aufklärungsbewegungen des 17. und 18. Jahrhunderts sind die indeengeschichtlichen und gesellschaftlichen Folgeentwicklungen der Humanisten, der Renaissance sowie der Reformation. Mit der Aufklärung wurden die feudalen Herrschaftsstrukturen und die Leibeigenschaft abgeschafft, das individuelle Eigentum gewann an zunehmender Bedeutung. Wir befinden uns am Beginn des Industrialisierungszeitalters.

Immanuel Kant (1724 – 1804) ist einer der führenden Philosophen der Aufklärung. Er war Sohn eines Sattlermeisters und von freundlichem, offenem und lebendigem Charakter. Sein großes Hauptwerk „Kritik der reinen Vernunft“ erschien 1781. Kant wurde aufgrund seiner naturwissenschaftlichen Schriften noch zu Lebzeiten berühmt. Er führte ein ruhiges Leben von „großer Stetigkeit“. Er hielt seinen Tagesablauf über Jahrzehnte bei, so dass die Königsberger die Uhr nach seinen Gewohnheiten stellen konnten. Für Kant gehören Glück und Moral zusammen, obwohl die Gründe und Normen moralischen Verhaltens einerseits und die Gründe und Regeln menschlicher Glückssuche andererseits ganz verschiedene Dinge sind. Moralität ist für Glück konstitutiv und da wir alle glücklich sein wollen, werden wir uns aus diesen Gründen sittlich und moralisch einwandfrei verhalten. Kant sieht im Sinne der Neuzeit die Freiheit als die wesentliche Eigenschaft des Menschen. Freiheit bedeutet „Unabhängigkeit von den Bedingungen der Antriebe“ und „Freiheit vom Zwang tierischer Sinnlichkeit. Der Mensch unterscheidet sich vom Tier dadurch, dass er seine Zeile unabhängig von der Natur zu setzen vermag“ und „die Moralität ist die innere Gesetzmäßigkeit der Freiheit“, welche dann wiederum zum Glück führt.

Die neuen Gesellschaftsformen und die gesamte industrielle Entwicklung versprachen dem Einzelnen: Freiheit, Gleichheit, Geld und Glück. Vor allem die amerikanische Unabhängigkeitserklärung vom 4.7.1776. „... dass alle Menschen gleich geschaffen sind, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind und dass hierzu gehören: das Leben, die Freiheit und das Streben nach Glück“ drückt Hoffnung und Ziele vieler Jahrhunderte erstmals in einer Verfassung aus. Die Menschen glaubten sich am Ziel ihrs Lebens angekommen: das Glück stand ihnen nun rechtmäßig zu. Glück und Unglück waren nun nicht hier und dort zu suchen und zu finden; sie kamen nicht vom Himmel, sondern beide aus dem eigenen Selbst, dem Ich, der eigenen Person, unterstützt durch die Errungenschaften der gesellschaftlichen Entwicklung, der neuen Technik, des modernen Staates.

Die unstillbare Sehnsucht der Menschen, zu ihrem ganz persönlichen Glück zu finden, hat zu allen Zeiten dazu geführt, dass sich Führer und Erlöser anbieten, den Menschen bei ihrer Suche zu helfen. Je selbstbewusster und bestimmender die Vorherrschaft der Ratio jedoch ist, desto breiter und tiefer fließt der „Fluss“ der geheimen Irrationalität. Rationalität und Irrationalität bilden eine Einheit wie Yin und Yang, Schwarz und Weiß, Positiv und Negativ.

Das Industriezeitalter löste jedoch seine hohen Erwartungen und Versprechungen bezüglich Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Glück nicht ein. Erich Fromm, der berühmte Philosoph und Soziologe, der an vielen Universitäten in Europa, den USA und Mexiko unterrichtete, sagt dazu: „Man muss sich die Tragweite dieser großen Verheißungen und die phantastischen materiellen und geistigen Leistungen des Industrie-Zeitalters vor Augen halten, um das Trauma zu verstehen, das entstand, als der Gesellschaft  langsam klar wurde, dass sich ihre Träume nicht verwirklichen würden.“

Glück und die höchstmögliche Erfüllung unserer Wünsche führt nicht zu dem erwarteten Gefühl von ewiger Harmonie und andauerndem Wohlbefinden. Unser Traum, der unabhängige Herrscher über unsere eigenes Leben und Schicksal zu sein starb mit der Realisierung, dass wir Rädchen der bürokratischen Maschinen wurden; unsere Gedanken, Gefühle und Geschmack wird sowohl vom Staatsapparat als auch von der Median manipuliert. Wachsender ökonomischer Fortschritt bleibt immer noch den wohlhabenden Gesellschaften der Ersten Welt vorbehalten, die Kluft zu den armen Gesellschaften der Dritten Welt vergrößert sich ständig. Die technische Entwicklung und der damit zusammenhängende Fortschritt hat gravierende ökologische Konsequenzen, die ein Ende alle Zivilisationen zur Folge haben kann.

Die Sehnsucht nach Glück wurde dadurch jedoch noch stärker und im heutigen ausgehenden Industriezeitalter vermehrt sich die Anzahl der „Führer“, insbesondere in der New Age Bewegung. Den Menschen heute wird das Glück mit neuen Methoden versprochen: z.B. durch bio-chemische Hilfen, wie die Glückspillen; durch operative Eingriffe aller Art um unglücklich machendes Äußeres zu verändern; und im Bereich der New Age Bewegung gibt es eine Unzahl von Literatur, in der alle erdenklichen und unerdenklichen Methoden das Glück versprechen.

Bei der Suche nach Büchern oder Texten über Glück fanden sich mehrere hundert im Internet sowie in den Buchhandlungen. Die Scientologen nehmen einen großen Teil der Internet-Texte ein, der zweite große Anteil ist von Menschen, die über das Internet einen Partner suchen. Die großen Verlage wie Hugendubel und Bauer haben einen Anteil von ca. 30% an Büchern, die den Lesern helfen sollen, das ganz persönliche Glück und die Harmonie ihres Lebens zu erreichen.

Die Glücksforschung ist ein großer geldträchtiger Zweig der Pharma-Industrie. Wir kennen inzwischen über 2000 chemische Substanzen, die im Gehirn über unsere glücklichen oder unglücklichen Stimmungen entscheiden. Die Anzahl von Menschen, die tablettenabhängig sind, um ihre Stimmungen unter Kontrolle zu haben, nimmt zu. Das stimmt vor allem für Kinder. Die modernen Glücksforscher, ihres Zeichens Biochemiker oder Psychotherapeuten, verstehen sich als Empiriker.

Das Magazin Scientific American brachte 1997 eine Sonderausgabe über die „Mysterien des Gehirns“ auf den Markt. „The Pursuit of Happiness“, die Verheißung der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung nimmt in dieser Ausgabe einen großen Raum ein.

Von 1964 und 1997 untersuchten die beiden Forscher-Professoren Myers und Diener psychologische Artikel in amerikanischen Fachzeitschriften. 46.380 beschäftigten sich mit Depressionen, 36.851 mit Angst und 5.099 mit Ärger. Nur 2.389 der Artikel sprachen vom Glücklichsein, 2.340 von einer Zufriedenheit im Leben und 405 von Freude. Es zeigte sich aber, dass sich glückliche Menschen in allen gesellschaftlichen Schichten finden ließen: unabhängig vom Alter, Einkommen, Rasse oder Bildungsstand. Sie fanden heraus, dass glückliche Menschen sich in ihren Familien und Freundeskreis wohl fühlen und weniger anfällig für Krankheiten sind. Glücksforscher untersuchten 18.000 Universitäts-Studenten in 39 Ländern und 170.000 Erwachsene in 16 Ländern und fanden vier Eigenschaften, die glückliche Menschen kennzeichnen.

Sie haben ein gesundes Selbstbewusstsein. Sie mögen sich und halten sich selber für weniger vorurteilsvoll und für intelligenter als der Durchschnitt und haben weniger Schwierigkeiten, mit anderen auszukommen.

·         Sie fühlen, dass sie ihr Leben im Griff haben.

·         Sie sind optimistischer als ihre Zeitgenossen.

·         Die meisten derjenigen, die sich als glücklich bezeichneten, waren extrovertierte Menschen.

Darüber hinaus sind religiöse Menschen prozentual glücklicher als nicht religiöse Menschen. Sie fanden heraus, dass die Menschen, die mehr Geld haben und deren Lebensstandard gesichert ist, sich prozentual nur minimal glücklicher fühlen, als ihre ärmeren und armen Zeitgenossen. Diejenigen, die sich als glücklich bezeichneten, fühlten sich auch in einer Folgestudie nach fünf Jahren noch glücklich, obwohl sich bei vielen die äußeren Lebensumstände zum Nachteil geändert hatten.

Die Glücksforscher beginnen nun die Lebensmuster von glücklichen Menschen zu untersuchen, ihre Ziele im Leben und ihre Ansichten über Gesellschaft, Politik und die Welt im Allgemeinen. Das Ziel dieser großangelegten Studie ist – wie könnte es anders sein -: den weniger glücklichen oder unglücklichen Menschen Hilfe anzubieten, dass sie sich auch ihre eigene glückliche Welt bauen können, damit sie aus ihrem Leben die größtmögliche Zufriedenheit herausholen können.

Ein typisches Beispiel, wie winzige Augenblicke im Leben über Glück oder Unglück entscheiden, sind die Ereignisse beim Grand Prix 1997 Belgia vom Sonntag 24.8.97. Michael Schumacher und Damian Hill, die beiden Favoriten, sahen beide die selben Regenwolken. Alle Fahrer hatten also zu entscheiden, ob sie aufgrund des nahenden Wetters die Reifen wechseln und für welche Strecke welche Reifen genommen werden sollten. Michael Schumacher entschied sich für andere Reifen als Damian Hill. Michael gewann, da er die „richtige“ Entscheidung getroffen hatte. Michael war der „glückliche“ Sieger und Damian der „unglückliche“ Verlierer. In einem späteren Interview erklärte Damian, dass er die Bewegung der Regenwolken falsch eingeschätzt hatte, deshalb die falschen Reifen aufziehen ließ und somit verlor. Niemand konnte zu diesem Zeitpunkt objektiv voraussagen, wohin die aufziehenden Regenwolken ziehen würden! Es war eine „falsche“ Entscheidung von Damian Hill in einem bestimmten Punkt seines Lebens. In früheren Rennen hatte er oft „richtige“ Entscheidungen gefällt und gesiegt. Er wird auch in Zukunft wieder „richtige“ Entscheidungen fällen und wieder der „glückliche“ Sieger sein.

Wir machen uns immer wieder von äußeren Ereignissen abhängig sowie davon, ob wir „richtige“ oder „falsche“ Entscheidungen gefällt haben, ob wir uns glücklich fühlen oder nicht. Das liegt daran, dass wir unseren Wert an den Glücksfällen bzw. richtigen Entscheidungen unseres Lebens messen und uns deshalb bei Unglücksfällen sowie bei „falschen“ Entscheidungen, die wir in Momenten unseres Lebens fällen, als Versager fühlen.

Waren die Menschen früherer Zeiten abhängig von der Gunst der Götter und sahen sich im Christentum abhängig von der Erlösung Gottes, so sind die Individualisten unserer Zeit von ihrem Selbstwert abhängig, der mit der Zunahme ihres äußeren Erfolges steigt bzw. bei mangelndem äußeren Erfolg sinkt. Glück und Liebe sind im Konzept unserer Gesellschaft eng miteinander verbunden. So ist es nicht überraschend, dass die Begriffstrilogie: Glück, Liebe und Selbstwert fast unzertrennbar zusammenhängen.

Dr. Caroline Myss, eine anerkannte amerikanische Ärztin, die sich mit dem Bewusstsein des Menschen beschäftigt und deren Bücher weltweit verlegt wurden, spricht dem Tenor der Zeit aus der „Seele“, wenn sie in ihrem Buch „Anatomy of the Spirit“ feststellt, dass „niemand von uns mit der Fähigkeit sich selbst zu lieben, geboren wurde. Wir müssen arbeiten, um dies zu erreichen. Wenn wir uns selbst emotional vernachlässigen, vergiften wir uns nicht nur auf der emotionalen Ebene selbst, sondern wir bringen diese Giftstoffe in alle unsere Beziehungen, besonders aber in unsere Ehe.“

Wir haben gesehen, dass wir in allen Lebens- und Philosophie-Konzepten etwas für unser Glück zu tun haben, wir werden nicht  glücklich geboren. Es wird uns entweder gegeben (in früheren Kulturen von den Göttern) oder wir haben es uns zu erarbeiten.

In großen gesellschaftlichen Umwälzungsprozessen, die immer auch für den einzelnen Krisenzeiten mit sich bringen, steigen Erwartungen und Sehnsüchte nach Glück. Gerade in unsicheren Zeiten, seien sie finanziell oder emotional, ist man bestrebt, im Glück die Sicherheit zu finden. Glück oder Un-Glück sind heute auch sprachlich unzertrennbar miteinander verbunden. Glück ist das Positive und Un-Glück das Negative, Glück ist Glück und Un-Glück ist die Abwesenheit von Glück. In negativen Zeiten steigt daher das Bedürfnis der Menschen nach dem „positiven“ Glück.

Glück und Harmonie haben in modernen Zeiten eine Romantisierung erfahren, von der sich die Mehrzahl der Menschen in den modernen Industriestaaten leiten lässt. Marcuse spricht von der Negativität des Glückes. Glück lässt sich sprachlich, so Marcuse, als Un-Unglück bezeichnen.

Aus meiner dreißigjährigen weltweiten Zusammenarbeit mit Menschen und ihren Erwartungen, Sehnsüchten und Hoffnungen kann ich sagen, dass zum Glücklichsein eine innere Bereitschaft gehört. Wir stellen so sehr unsere Probleme, unser „Versagen“, unsere Enttäuschungen in den Mittelpunkt, dass wir die Glücksmomente in unserem Leben oft übersehen. Wir ernähren unser Unglücklichsein und suchen deshalb immer weiter nach Glück, d.h. wir lenken unser Bewusstsein nicht auf einen erfüllten Tag, und freuen uns abends über die glücklichen Momente, die uns dieser Tag gebracht hat, sondern unsere Gedanken kreisen um das, was wir nicht getan haben, das, was wir hätten besser machen können sowie um unsere unerfüllten Bedürfnisse. Energetisch gesprochen ernähren wir damit unser Un-Glück und nicht unser Glück. Die Statistiken westlicher Länder zeigen, dass die allergrößten Krisenzeiten, die Kriegszeiten weniger Selbstmorde aufweisen, als in normalen Zeiten. Sind die Menschen dann glücklicher? Ich meine nein, sie haben nur weniger Zeit, sich um ihr Unglücklichsein zu kümmern. Die Lebensenergie konzentriert sich in solchen Zeiten auf das Überleben. Die Menschen setzen ihre Lebensenergie anders ein.

Wir können alle darauf achten, wie wir unsere alltägliche Lebensenergie einsetzen und den Schwerpunkt unserer Aufmerksamkeit ändern. Wenn wir uns mehr auf die positiven Kleinigkeiten des Alltags konzentrieren und die Freude darüber bewusst wahrnehmen, haben wir mehr Energie zur Verfügung, die Dinge, die uns das Leben schwer machen, zu verändern. Unser Leben sollte uns nicht lähmend ersticken, sondern lebendig unterstützen. Wir müssen alle Glück für uns auch persönlich definieren, die Überwindung von uns lähmenden Energien ist eine Möglichkeit, sich glücklich zu fühlen.

Die Rede ist hier nicht von „Positivem Denken“ mit dem Ansatz, alles negative und unglückliche durch positive Gedanken zu ersetzen. Ich spreche davon, sich das eigene Gedanken- und Gefühlsspektrum anzuschauen und eine ehrliche Bilanz über die persönliche Grundeinstellung zum Leben und der Energie, wie der Alltag bewältigt wird, zu ziehen. Wir können damit den Boden bereiten, unsere Gefühl- und Denkmuster zu ändern. Diese Muster sind fest in unserem gesamten System integriert und können nicht einfach „wegvisualisiert“ werden, da sich sonst die unausgedrückten Schattenseiten doch immer wieder hinter unserem Rücken unbewusst ausleben.

Wir werden stärker, klarer und froher in unserem Leben, wenn wir uns unserer positiven und ebenso negativen Seiten bewusst sind und unsere Veränderungen bewusst angehen und gestalten können.

Christa Muths
B.Sc., M.A., M.Sc.,
Leiterin von espacio

Erstmals erschienen in: Treff-Räume espacio time, Jhg 3, Nr. 4, Oktober 1997

Literaturverzeichnis:
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Erikson, E.H.: Identität und Lebenszyklus, Frankfurt 1973
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Bellebaum, Alfred + Barheier, Klaus: Glücksvorstellungen, Opladen 1997
Hossenfelder, Malte: Antike Glückslehren, Stuttgart 1997
Störig, Hans Joachim: Kleine Weltgeschichte der Philosophie, Stuttgart 1961
Philosophisches Wörterbuch, Herausgeber Georg Klaus + Manfred Buhr, Leipzig ca. 1960
Chopra, Deepak: The Path of Love, New York 1997
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Sabetti, Stephano: Lebensenergie, München 1992
Wiederkehr, Karin: Wer losläßt, hat die Hände frei, München 1997
Kant, Emanuel: Bruchstücke aus dem Nachlaß, Werke VIII, S. 294
Fromm, Erich: Haben und Sein, München 1995