Engel und Teufel im christlichen Verständnis

A) Engel

Als Jesus vor 2000 Jahren in Israel auftrat, gab es dort bereits eine vielfach ausgeprägte Vorstellung von Engeln, die ihre Wurzeln im altkanaanäischen Volksglauben ebenso wie in ägyptischen, babylonischen und spätiranischen Glaubensmeinungen hatte. Die Engel wurden „mal'akim" genannt, das heißt „Bote". Die gleiche Bedeutung hat das griechische Wort „angelos" oder das entsprechende lateinische Wort „angelus", von dem unser Wort „Engel" abgeleitet wurde.

Die Engel traten in den Urzeiten der hebräischen Bibel als Männer auf. Sie hatten noch keine Flügel. Sie brachten den Menschen wichtige Botschaften von Gott.

Keine Boten, aber geflügelte Wesen waren die Cherubim und die Serafim.

Ezechiel schilderte sie als Lebewesen mit je vier Gesichtern und vier Flügeln. Sie gehörten zum Hofstaat des göttlichen Herrn, der durch diese hohen Begleiter noch unzugänglicher erschien, als er es schon war.

Eine andere Art von Engeln hatte Jakob im Traum gesehen: Er sah eine Treppe, die auf der Erde stand und bis zum Himmel reichte. Auf ihr stiegen Engel Gottes auf und nieder. Am oberen Ende der Treppe stand Gott der Herr. Auch in diesem Bild erscheint Gott nur durch die von Engeln begangene Treppe zugänglich.

Nach der babylonischen Gefangenschaft (6. Jahrhundert vor Christus) entstand in der jüdischen Volksfrömmigkeit ein weites Feld für Engel: Engel bekamen Namen wie Gabriel, Michael und Raphael. Den Länder wurden Schutzengel zugeordnet. Der himmlische Hofstaat aus Engeln wurde unübersehbar groß. Engel wurden in Gruppen eingeteilt „Herrschaften, Gewalten, Fürstentümer und Throne". Analog zu den damals bekannten sieben Planeten stellte man sich sieben Erzengel vor. Den Menschen standen besondere Engel als Schutz-, Geleit- und Fürbittengel zu.

Mit dem Erscheinen von Jesus und mit seiner Lehre tritt die unmittelbare Gottesbeziehung des einzelnen Menschen in den Vordergrund. Jesus sagte, er sei mit dem Vater eins und er will auch seine Anhänger in dieser Einheit sehen.

Engel erscheinen jetzt am Rande der Geschehnisse. Jesus spricht von den Engeln der Kinder, die immerfort das Angesicht Gottes schauen. Nach den Berichten wurde Jesus bei seiner Ankunft, in den verschiedenen Stationen seines Wirkens und am Ende seines Lebens von Engeln begleitet.

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In den ersten Jahrhunderten entwickelte sich in der Christenheit unter dem Einfluß der im östlichen Teil des römischen Reiches verbreiteten Gnosis die Vorstellung einer Vielfalt von Engeln. An ihrer Spitze stand der Demiurg, ein Mittler zwischen Gott und den Menschen. Sieben Engeln sollen nach dieser Lehre die Welt erschaffen haben und danach soll durch Emanation eine unübersehbare Zahl an Engeln entstanden sein. Unter dem Einfluß der Gnosis zeigten sich die Menschen erfinderisch in einer Vielfalt von Engelsnamen. Neben den vier hohen Engeln Michael, Gabriel Raphael und Uriel, treten jetzt Suriel, Sabaoth, Abrasax, Emanuel, Ananael, Prosoraiel und viele andere mehr. Christus wurde die Rolle angesonnen, er habe die Welt wieder aufgerichtet, weil die Engel sie schlecht regiert hätten.

Diese Lehre wurde im Christentum nicht aufrechterhalten. Die gnostische Vorstellung, wonach die Materie das „Reich" des Bösen sei, war mit der Lehre von Jesus nicht zu vereinbaren. Im IV. Laterankonzil beschränkte sich die Kirche auf die drei Erzengel Gabriel, Michael und Raphael, die bereits im alten Israel bekannt waren. Diese stehen in einer unmittelbaren Beziehung zu Gott, was schon ihre Namen zeigen. So heißt Gabriel „Gottes Kraft", Michael „Wer ist wie Gott?" und Raphael „Gottes Heilung". Sie werden auch heute noch in den christlichen Kirchen verehrt. Der Herr über alle Engel ist nach christlicher Auffassung Christus. Diese unterliegen ebenso wie die Menschen dem Endgericht. Andererseits wird ihnen Beständigkeit, Leidenschaftslosigkeit, scharfes Wahrnehmungsvermögen, die Fähigkeit, Gedanken mitzuteilen und zu lesen, und vor allem Flügel zugesprochen, die ihr Schnelligkeit symbolisieren, von einem Ort zu einem anderen zu eilen. Engel haben eine überragende Vorstellungskraft und einen starken Willen. Sie sind machtvolle Wesen. Engel werden auch den Naturvorgängen zugeordnet, wie Winde, Blitz, Donner und Niederschläge. Den Menschen gegenüber erscheinen die Engel als furchteinflößende, mächtige Geistwesen, die Visionen verursachen, Erkenntnisse und Belehrungen erteilen, kranke Menschen heilen und Menschen in Gefahren retten. Als Engel des Friedens, der Wahrheit und der Gerechtigkeit nehmen sie hohe geistige Aufgaben wahr.

Die Engel, die ganz in der Nähe Gottes weilen, von Gott selbst beauftragt werden und Vollstrecker seines Willens sind, haben Anteil an der göttlichen Allwissenheit und Allmacht. Diese geistigen Wesen suchen lautere Menschen auf, können wichtige Aussagen für die Zukunft prophezeien und zeigen in Ereignissen die göttliche Allmacht, die wir Wunder nennen.

Einige Christen fühlen sich den Engeln so sehr verbunden, daß sie in jungfräulichen Gemeinschaften als Mönche oder Nonnen sich vorgenommen haben, ein engelgleiches Leben zu führen,.

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Am Ende des Lebens kündigen Engel den bevorstehenden Tod und gelegentlich auch den genauen Zeitpunkt des Todes an. Beim Tode scheiden die Engel die Seele vom Leib, die sie dann nach christlicher Vorstellung ins Jenseits geleiten.

B) Teufel

Widrige Geschehnisse, schreckliches Leid, ungeahnte Schicksalsschläge und schlimme Verfolgungen weckten in viele Kulturen den Glaube an böse Mächte der Finsternis. Auch in der jüdisch-christlichen Tradition ist die Vorstellung aufgekommen, daß es böse Engel oder ein Widersacher (hebräisch „satan") geben könnte. Dieser wurde im Griechischen als „diabolos" bezeichnet, aus dem das deutsche Wort Teufel entstand.

In der bekannten Schöpfungsgeschichte von Adam und Eva wird geschildert wie die listige Schlange die Menschen dazu bewegte, Gottes Gebot zu übertreten und von den verbotenen Früchten zu essen. Als Folge dieser Verführung setzte Gott Feindschaft zwischen der Schlange und den Menschen. Die Schlange erscheint als Sinnbild für das dem Menschen Widrige und Böse. Auch die Nachkomrnen des ersten Menschenpaares müssen sich mit diesem Widrigen auseinandersetzen.

In einer vereinzelten Stelle der ältesten Aufzeichnungen in der Genesis ist die Rede davon, „Gottessöhne" hätten sich Menschentöchter zu Frauen genommen. Danach habe es auf der Erde Riesen gegeben, die Helden der Vorzeit. Dies soll noch vor der Sintflut geschehen sein, die Gott wegen der Schlechtigkeit der Menschen kommen ließ, wobei er Noah und die in seiner Arche befindlichen Lebewesen gerettet hatte.

Eine Deutung dieses Textes kam zu dem Schluß, die „Gottessöhne" seien Engel, die durch die Vermischung mit den Menschen böse geworden seien.

Ob diese Geschichte so gedeutet werden kann, erscheint zumindest zweifelhaft. Allerdings ist die Vorstellung von Teufeln als in irgend einer Weise gefallenen Engeln weit verbreitet. Diese und ihre Nachkommen bilden das „Reich" des Bösen. Was liegt näher, als dieses „Reich" des Bösen in der Unterwelt zu suchen, weshalb es als „Hölle" bezeichnet wurde. Viele gnostische Gedanken vom „Reich" des Bösen und der Finsternis sind bis in die Gegenwart mitgetragen worden. Der Volksglaube entwickelte eine weitverbreitete Vorstellung vom Teufel, mit dem ein Vertrag geschlossen werden kann. Er und sein Anhang sollen zur ewigen Verdammnis bestimmt sein. Mit dieser Glaubensmeinung können nicht nur große Ängste, sondern auch Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung verursacht werden. Gibt es diese Hölle oder sind das nur menschliche Phantasien? Kann es neben dem universalen Reich des allmächtigen Gottes noch eine gottwidrige Hölle geben?

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Leider sind uns die Worte, die Jesus in seinem irdischen Leben gesprochen hatte, nicht unmittelbar aufgezeichnet worden. Was war geschehen, als Jesus Dämonen ausgetrieben hatte? Was waren diese Dämonen? Waren es „böse" oder einfach niedere, noch wenig entwickelte Geistwesen? Wir wissen nicht, ob und inwieweit die Evangelien durch die Vorurteile der Evangelisten unbewußt verfälscht worden sind, die damals gnostischen Einflüssen ausgesetzt waren. Jesus lehrte die Einheit des Reiches Gottes und nicht die Dualität zweier Reiche. Deshalb kam später im Christentum der Gedanke auf, daß auch die jetzt „bösen" Engel einmal erlöst und glückselig werden. Auch die Vorstellung von Straf- und Rache-Engel ist zweifelhaft. Sie setzt einen strafenden und rächenden Gott voraus, der mit dem liebenden Vatergott nichts gemein hat, von dem Jesus gesprochen hat.

Selbst wenn wir nicht an den Teufel glauben wollen, bleibt doch die vielfältige Erfahrung dessen, was wir im Leben mit unserer menschlichbeschränkten Einsicht wertend als Böse bezeichnen.

C) Unterscheidung der Geister

Eine Hilfe können uns die christlichen Mystiker geben. Ihre Visionen sind zwar für den durchschnittlichen Christen nicht nachvollziehbar. Aber sie waren oft scharfe Beobachter ihrer inneren Regungen. Sie spürten, ob sie von einem „guten" oder „schlechten" Geist berührt und bewegt waren. So entstand die Lehre zur Unterscheidung der Geister. Eine solche Lehre hat Ignatius von Loyola in seinen „Geistlichen Ubungen" entfaltet:
Ignatius unterscheidet zwischen den Menschen, die von einer schweren Sünde zur anderen schreiten, und den Menschen, die eifrig bestrebt sind, sich von den Sünden zu reinigen und im Dienste Gottes aufzusteigen.

Bei der erstgenannten Gruppe pflegt nach Ignatius der „böse Geist" die Vorstellung sinnlicher Genüsse und Lüste zu bewirken, um die Menschen weiter zu verführen. Der „gute Geist" hingegen schreckt diese Menschen und verursacht ihnen Gewissensbisse.

Bei der Gruppe der eifrig zum Guten bestrebten Menschen ist es genau umgekehrt. Der „böse Geist" erregt Gewissensangst, stimmt traurig und beunrubigt durch falsche Gründe. Der „gute Geist" hingegen spendet der Seele Mut und Kraft, Tröstungen, Tränen, Anregungen und Herzensruhe, um alle Hindernisse zu entfernen, damit die Menschen im Gutestun weiterschreiten. In Zeiten der Trostlosigkeit soll der Christ fest und beharrlich bei seinen Vorsätzen und Willensentschließungen bleiben, die er in Zeiten des Trostes gefaßt hatte. Zugleich empfiehlt Ignatius im Gebet und in der Betrachtung zu beharren.

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Auf einer höheren Stufe zeigt er, daß auch der „böse Geist" sich in einen Engel des Lichtes verwandeln kann, in dem er zunächst zur Täuschung gute und heilige Gedanken einflößt und danach seine trügerischen und schlechtenAbsichten zu verwirklichen sucht.

Diese auszugsweise hier dargelegten Regeln sagen allgemein, daß ein „guter oder ein böser Geist" nur dann Zutritt zur Seele des Menschen hat, wenn zuvor eine Ursache gesetzt worden ist. Zum Beispiel sind für die Trostlosigeit ursächlich die eigene Trägheit und Nachlässigkeit in geistlichen Übungen, ein noch nicht gefestigter Wille oder geistiger Stolz und Selbstgefälligkeit.

Ohne Ursache, so sagt Ignatius, kommt es dagegen allein Gott unserem Herrn zu, die Seele des Menschen zu betreten und Trost zu spenden. Eine Erfahrung, die in gleicher Weise die Buddhisten mit dem Erleuchtungszustand des Satori gemacht haben.

Auch die anderen Regeln finden Parallelen in den Lehren der Mystiker der Weltreligionen. Hier erscheint uns eine allgemeine Menschheitserfahrung.

Jedoch ist die Frage, was sind nun die guten oder die bösen Engel, damit nicht beantwortet.

D) Was sind Engel?

Engel sind nach Meinung der Christen geistige Lebewesen. Möglicherweise gilt für sie ebenso wie für die Menschen das Gesetz der Evolution von einfachen, niederen Lebensformen zu höherentwickelten Wesen. Erst in diesem Jahrhundert ist in den großen Religionen bewußt geworden, daß die Menschen sich evolutionär aus einfachen und niederen Lebewesen entwickelt haben und sich aller Wahrscheinlichkeit nach auch weiterhin entwickeln werden. Frühere religiöse Denker kannten dieses Gesetz der Evolution noch nicht. Um so mehr ist es unsere Aufgabe diesem neuen Denkansatz gerecht zu werden. Die sogenannten „bösen Geister" könnten als niedere Geistwesen erkannt und behandelt werden. Das könnten frühere Menschen oder andere, noch entwicklungsbedürftige geistige Wesen sein, die niemals Menschen waren. Wie wir aus unserer Erfahrung wissen, sterben viele Menschen noch unvollkommen. Ihre Seelen scheinen das große Ziel der Einheit mit Gott noch nicht erreicht zu haben. Nicht ihre Vernichtung in der Hölle wäre dann das Ziel, sondern ihre Weiterführung vom Dunkeln zum Licht.

Robert Gillmann

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