Hollywood Harems

Hollywoods Filmindustrie war den Arabern nie wohlgesonnen. Seit Beginn der Filmindustrie wurden sie negativ dargestellt. Amerikas Filme sind durchsetzt mit stereoptypen Darstellungen der Araber wie z.B. typischerweise als aufgeblasene Wichtigtuer, Aufschneider und schmierige Gauner, Schufte, sexuelle Raubtiere und neuerdings als Terroristen.

"Die Filme fördern zusätzlich die falschen Vorstellungen und Stereotypen gegen die Araber: die Bandbreite reicht von der Darstellung der Harem-Frauen, über lüsterne Scheiche und fliegende Teppiche bis hin zu Mumien-Liebhabern, raffgierigen Öl-Millionären und unheimlichen Terroristen." (1)

Ich werde in meinem Projekt Hollywoods Darstellung von Frauen in Filmen mit orientalischen Themen und Charakteren untersuchen. Orientalistik - "eine westliche Betrachtungsweise, um Autorität Über den Orient zu erlangen, ihn zu beherrschen und umzustrukturieren" (2) - entwickelte sich aus den historischen Zusammenhängen in denen die arabische und islamische Kultur mit Angst und Faszination von West-Europa betrachtet wurde. Diese Betrachtungsweise der West-Europäer beinflußte wiederum die historischen Zusammenhänge.

"Der Orient war fast eine europäische Erfindung und ist seit dem Altertum ein Ort voller Romantik, exotischen Gestalten, sowie eindringlichen und immer wiederkehrender Erinnerungen, herausragender Landschaften und Erfahrungen." (3) Seit ihrer Gründung war die amerikanische Filmindustrie in der Mystik des Orients gefangen. Sie adoptierte die erzählende und visuelle Ausdrucksform des Orients als auch die kulturellen Vorstellungen und Vorurteile, die man darüber hatte. Ich habe eine ausführliche Filmdokumentation mit über 100 Hollywood Filmen zusammengestellt, die einen Zeitraum vom Beginn der Filmindustrie bis zu heutigen Filmen umfassen. Das Kriterium für die Auswahl der Spiel- und Zeichentrickfilme war das zugrundeliegende orientalische Thema mit Schwerpunkt auf der Darstellung weiblicher Rollen.

Ich beabsichtige eine einstündige Dokumentation - eine Filmmontage - zu erstellen, in der ich so viele Filmclips zusammentragen werde, wie mir möglich ist. Die Montage wird nach unten aufgeführt bestimmten Kriterien zusammengestellt und von einer erzählenden Stimme kommentiert. Die Clips in denen Frauen oder Mädchen dargestellt werden, wurden entsprechend der folgenden Kriterien ausgewählt: verführt, entführt, sexuell belästigt, auf Ehe- und Mutterschaft vorbereitet, verschleiert, tanzend, verkauft als Sklavin oder Mätresse, auf der Männersuche bzw. der Suche nach "Liebe und ewigem Glück", von Männern als Sexualobjekt wahrgenommen, gierig nach materiellen Gütern und Reichtum verlangend, eifersüchtig oder um männliche Aufmerksamkeit buhlend, Verführerin, Biest oder Vamp.

In der Filmgeschichte wurde die arabische Welt als vertraute Kulisse für Romanze und Abenteuer gesehen. Zwischen 1910 - 1920 wurden jährlich 4 - 6 romantische sowie Abenteuerfilme gedreht, die in Nord-Afrika spielten. In den zwanziger Jahren wurden mindestens 87 amerikanische Filme mit arabischen Themen produziert. (4) Hollywood fabrizierte ein erotisches und exotisches Orient, in dem es die Zuschauer mit Abenteuer und Lust in eine ungezähmten Wüstenlandschaft lockte. In den Filmen der zwanziger Jahre basierten die arabischen Stereotypen hauptsächlich auf einer geschmacklosen Mischung von Exotik, Entführung, Banditentum, Rache und Sklaventum. Die Geschichten in den Filmen stellte die Araber unweigerlich als die Widerlinge dar, die sich im Kampf gegen den guten westlichen Mann wagten. Der berühmteste der frühen "arabischen" Filme war "Der Scheich" (1921), durch den Rudolph Valentino zum Weltstar wurde. Diese Erfolgsbombe ist ein hervorragendes Beispiel für "Rassenmischung" (sexuelle Beziehungen zwischen Weißen und Nicht-Weißen): Valentino als der lüsterne Scheich beabsichtigt eine junge, weiße Frau zu verführen. Ein Filmkritiker der New York Times versichert seinen Lesern "Sie werden nicht geschockt sein, daß ein weißes Mädchen einen Araber heiratet, denn der Scheich ist nicht wirklich ein eingeborener Sohn der Wüste." (5) Am Ende des Filmes wird offenbart, daß der Scheich der Sohn eines englischen Adeligen ist, damit ist eine Rassenmischung vermieden und das Vollziehen der Ehe in Ordnung.

Der Film war so erfolgreich, daß er eine neue Welle von noch heißblütigeren, säbelrasselnden und prahlerisch melodramatischen Filmen einleitete und den Ausspruch der Filmkritiker hervorbrachte, der Film "Der Scheich" hauptsächlich "eine Maschinerie der Erregung .... sei, wo man köstlich masochistischen Gefallen daran hat, daß ein weißes, blondes Mädchen in die starken Hände eines rücksichtslosen Wüstentyrannen fällt." (6)

Verführung und Entführung sind die Hauptmotive in diesen Filmen: Frauen werden meist in Zelte gejagt oder über die Schultern geworfen, auf Pferderücken verfrachtet und entführt, um schließlich sexuell bedrängt zu werden. Im Film "Der Scheich" werden alle Araber - Ägypter, Iraker, Libanesen, Algerier, Saudi Arabier und andere - in einen Topf geworfen. Es wird eine kollektive arabische Welt dargestellt, völlig undifferenziert und unabhängig vom individuellen Land oder kultureller Vielfältigkeit. Diese völlig verschwommene Schilderung einer ethnischen Gruppe bestärkte den Betrachter darin zwischen "denen" im Gegensatz zu "uns" zu unterscheiden, wobei jene dadurch faktisch zum "Anderen" werden. In den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts tauchte der orientalische "Vamp" das erste Mal auf der Leinwand auf. Mode, Oper und Ballett waren die Voraussetzung für die Idole des orientalischen Vamps, die als "Neue Frau" präsentiert wurde. Auf der Leinwand waren die Archetypen durch Salome dargestellt, die mit ihrer Sexualität Männer dominierte.

"Das moralische Durcheinander des Ostens wurde mit weiblicher Kraft in Verbindung gebracht. Jener Gedanke stimmte mit der kulturell vorherrschenden Angst überein, daß Männer gegenüber den sexuellen und sozialen Forderungen der fortschrittlichen Frauen kurz vor der Kapitulation standen. Zu viele konservative, moderne Frauen versinnbildlichten die Töchter von Salome, da sie zunehmend destruktiv und dominant in ihrer Sexualität waren." (7) Am besten spielte Theda Bara 1915 in "A Fool There Was" den orientalischen Vamp. Sie war als Theodosia Goodmann in Ohio geboren, trug arabische Gewänder, gab vor kein englisch sprechen zu können und wurde in einer weißen Limosine von Nubischen Bediensteten gefahren. Ihre Hotel-Suites waren in schwarz drapiert und rochen nach Räucherstäbchen und Parfüm. In einem Interview entschuldigte die Schauspielerin die Handlungen eines Vamps: "Glauben Sie mir, auf jeden Vamp kommen zehn Männer, und das sind die gleichen Männer, die alles von einer Frau nehmen -- Liebe, Hingabe, Schönheit, Jugend und nichts zurückgeben. Den Vampir, den ich spiele, ist die Rache meines Geschlechtes an seinen Ausbeutern." (8)

Andere Filme, in denen orientalische Vamps dargestellt wurden, waren "Cleopatra", "Die Zehn Gebote" und "Blut und Sand". Der Standard-Schauplatz für Hollywoods orientalische Filme ist die Wüste. Sie wird als "unentwickelt" und "primitiv" dargestellt, was automatisch beinhaltete, daß sie einer westlichen Zivilisation bedürfe. Außer diesen Eigenschaften bietet die Wüste zusätzlich eine erotische Dimension, nämlich die von "frei liegendem, unfruchtbarem Land mit heißem Sand, welches die ungebändigte, "heiße" Leidenschaft und unzensierten Gefühle des Orients ..." (9) widerspiegelt. In dem Film "King Solomons Mine" wird die Beschaffenheit des Bodens dreist mit dem Körper einer Frau verglichen. Die Kamera neigt sich auf eine nackte Frauenskulptur hinunter - angeblich eine Karte welche zu den legendären Zwillings-Bergen führen soll - den Brüsten von Sheba; weiter unten ist die Höhle in welcher König Salomons Diamanten-Grube versteckt ist.

Der weibliche Körper wird somit zum Objekt der Blicke westlicher Männer, in diesem Falle ganz besonders des Archäologen sowie Antiquitätenhändlers und natürlich im weiteren Sinne auch des Kinobesucher. Wir können somit sehen, daß der Orientalismus, obwohl er sich in unterschiedlichen Bereichen ausdrückt, ein Ausdruck der männlichen Dominanz ist und damit zum Patriarchat gehört. In metropoliten (städtisch orientierten) Gesellschaftsstrukturen wurde der Orient immer als weiblich gesehen, seine Reichtümer als fruchtbar und als Hauptsymbol galten sinnliche Frauen, das Harem und der despotische, kurioserweise aber attraktive Herrscher. (10)

Die Tendenz, den Osten als weiblich zu betrachten, kann man in der Darstellung des antiken Babylons und Ägypten sehen, in D.W. Griffiths "Intolerance" (1916) und Vecil B. de Milles "Cleopatra" (1934). In "Intolerance" symbolisiert Babylon sexuelle Auswüchse und auch in "Cleopatra" ist Ägypten der Platz der fleischlichen Lüste. In den dreißiger Jahren kam der erste Film über Mumien heraus, dem viele ähnliche Filme folgten. Entführung und versuchte Rassenmischung waren in dieser beständigen Film-Gattung vorherrschend.

In den vierziger Jahren garantierte die Film-Bearbeitung von "Tausend und einer Nacht" Millionen an Einnahme. Sie umfaßte mehrere Filme wie "Ali Baba und die Vierzig Räuber", die Sindbad-Serie, "Cobra Woman". In allen Filmen steht das vorhersehbare Schicksal der Harems, der Bauchtänzerinnen sowie abscheulicher tyrannischer Menschen (vorwiegend Männer) im Mittelpunkt. Hollywoods Filmstudien reproduzierten diese erfolgreiche Formel und veränderten es in Epos von biblischem Ausmaß wie "Solomon und Sheba". die erotischeren Neuverfilmungen dieser Art wurden in den Studios als "t and s" (tits and sand, d.h. Titten und Sand) bezeichnet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg produzierte Hollywood weiterhin Komödien und Musicals mit orientalischem Hintergrund. 1965 spielte Elvis Presley in "Harum and Scarum" in einem Harem-ähnlichem Nachtclub. Der Rockstar sang:

I'm ganna go where desert sun is; where the fun is; go where the harem girls dance; go where there's love and romance-out on the burning sands, in some caravan. (11)

Ich werde dahin gehen, wo die Wüstensonne ist, wo der Spaß ist, dahin, wo die Harems Mädchen tanzen, dahin wo Liebe und Romanze ist - draußen auf dem brennenden Sand, in irgendwelchen Wohnwagen.

In den frühen sechziger Jahren wurde, hervorgebracht durch den arabisch-israelischen Konflikt, mit den Filmen "Exodus" und "Cast a Giant Shadow" eine neue Gattung von Kinofilmen mit arabischen Themen geschaffen. Die guten Israelis wurden im Kampf gegen die schlechten Araber dargestellt, die hauptsächlich als Entführer, Terroristen und Mörder dargestellt wurden. Das amerikanische Film Institut geht davon aus, daß eine Analyse von 87 Filmen, die über den Mittleren Osten in den zwanziger Jahren gedreht wurden, mit den 118 Filmen, ebenfalls über den Mittleren Osten, die in den sechziger Jahren gedreht wurden, deutlich zeigen würde, daß Hollywoods Mittlerer Osten durchgängig als unheimlicher und düster dargestellt wurde.

In den sechziger Jahren avancierten Mordtaten in diesen Filmen vom 27. Platz zum 2. Platz. Sklaventum, Diebstahl und Entführung gelangten in die ersten 10 Plätze und es erscheinen neue negative Charakteristiken wie Verrat, Folter, Explosionen, Prostitution, Aufstände, Schmuggeln und Hochverrat. (12) Hollywoods Darstellung der Araber verbessert sich nicht im Laufe der Filmgeschichte. "Black Sunday", "Rollover", "Protocol", "Ashanti", "Father of the Bride II", "Aladdin" und "Paradies" sind alle Beispiele aktueller Produktionen, in denen die Araber weiterhin verunglimpft werden. Das hartnäckige Bestehen des negativen Image von Arabern in amerikanischen Filmen sowie in anderen westlichen Kulturen fördert den Rassismus. Dieses negative Stereotypisierung untermauert außerdem die Innen- sowie Außenpolitik der Vereinigten Staaten gegenüber den Arabern.

Im heutigen Klima von politischer Korrektheit, in dem bewußt multikulturelle Themen in den Massenmedien angesprochen werden, ist es doch sehr ironisch, daß Araber immer noch ungestraft als minderwertig dargestellt werden können. Ich hoffe, daß ich durch das Aufzeigen von Zusammenhängen und Nebeneinanderstellen von Inhalten der Hollywood Filme den Zuschauer dahin bringen kann, daß er die Darstellung der Araber in amerikanischen Filmen anders betrachten kann und daß er sich der Existenz herabsetzender Stereotype und deren heimtückischen Folgen und Ausmaß bewußt wird.

Tania Kamal-Eldin

Übersetzt von Christa Muths

Literatur:

1) Abdeen Jabara, "Time for a Change," Cineaste, vol. 17, no.1 (1989), p.1.

2) Edward Sald, Orientalism (New York, Vintage, 1979),p. 3.

3) ders. 1, 4) Lawrence Michalak, "The Arab in American Cinema: A Century of Otherness" Cineaste, vol. 17, no. 1 (1989), p.3.

5) ders., 4.

6) Matthew Bernstein and Gaylyn Studlar, Visions of the East (New Jersey, Rutgers University Press, 1997), p. 102.

7) ders., 116.

8) Sumiko Higashi, Virqins, Vamps, and Flappers (S1 Albans, Eden Press Women's Publications, 1978), p.61

9) Ella Shohat and Robert Stam, Unthinkinq Eurocentrism: Multiculturalism and the Media (New York, Routledge, 1994), p.148

10) Edward Said, "Orientalism Reconsidered", Cultural Critique (fall 1985): p.103.

11) Ella Shohat and Robert Stam, Unthinkinq Eurocentrism: Multiaulturalism and the Media (New York, Routledge, 1994), p.161.

12) Lawrence Michalak, "The Arab in American Cinema: A Century of Otherness" Cineaste, vol. 17, no. 1 (1989), p.6.

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