Auf der Suche nach Männlichkeit

Robert Bly gilt als der einflußreichste amerikanische Poet unserer Zeit. Er erhielt 1968 den National Book Award für Poesie und hat seitdem viele Bücher, Schriften und Gedichte veröffentlicht, die sich mit dem Thema der „tiefen Verbindung (marriage) zwischen der inneren und äußeren Welt im Leben eines Mannes“ beschäftigt. Er hat es sich zur Aufgabe gesetzt, mit den Männern die heute bestehende Verwirrung über ihr inneres Leben und tiefe Gefühle sowie ihre Rolle in der Gesellschaft zu erkunden. 

Begonnen hat diese Bewegung in Texas, dem konservativen Zentrum der Vereinigten Staaten und bereitete sich von hier weltumspannend nach England, Australien, Neuseeland aus, aber auch z.B. nach Deutschland. „Der Eisenhans“, eines seiner Bücher, beschreibt die Identitätsfindung bzw. den Mangel der Identitätsfindung bei Männern.

Bly wurde zum Vater einer Bewegung über maskulines Bewußtsein und erwarb sich seine Autorität über dieses Thema aufgrund seiner eigenen, mit tiefer Aufrichtigkeit geschriebenen Autobiographie.

Blys Vater war Alkoholiker und im zarten Alter von 2 Jahren wurde er zum Mitverschwörer seiner Mutter, den nicht kommunizierenden Vater auszuschließen. Dieses Muster beobachtete er als ein überwiegendes in fast allen Familien. In den Industriegesellschaften haben Männer nur selten enge Freunde, mit denen sie ihre tieferen Gefühle austauschen Sie fühlen sich als Ehemänner unterlegen/unzulänglich, da ihre Frauen ständig mehr Kommunikation verlangen, verlangen, daß Männer mehr über ihre tieferen Gefühle sprechen. Die Männer verstecken sich jedoch nicht, sondern kennen ihre tieferen Gefühle nicht.

Er beschreibt, wie er bis zum Alter von Mitte vierzig wunderschöne Gedichte über die Bewegungen der Bäume im Wind, über den Frühling, den Sonnenuntergang etc. schrieb. Er war aber nicht in der Lage, etwas über sich und seine tieferen Gefühle zu schreiben, da er diese nicht kannte. Sein „Schicksal“ ist ein typisch männliches: von Frauen - die sich und ihre Bedürfnisse kennen - gejagt mit der Forderung, sich mehr mitzuteilen und auszudrücken und die typisch männliche Reaktion ist, zu fliehen, da sie sich auf dieser Ebene nicht ausdrücken können. Sie flüchten vor diesen Anforderungen. Die Männer können aber auch nicht stehen bleiben, sich umdrehen und den Frauen in offener gleichberechtigter Auseinandersetzung stellen, eben weil sie ihre männliche Identität und somit ihre wahren Bedürfnisse nicht kennen. Das Drama ist, so Bly, daß die Frauen die Männer nicht schnell genug verfolgen, um sie zu erreichen, die Männer gleichzeitig nicht schnell genug flüchten, um wirklich zu entkommen. So befinden sich beide in einem sich ständig wiederholenden Spiel.

Seit der Industrialisierung sehen die Söhne - und Töchter - ihre Väter nur nach Feierabend, wenn sie mit all ihren Frustrationen, Konkurrenzkämpfen etc. müde und oft schlecht gelaunt nach Hause kommen. Sie erfahren ihre Väter nicht mehr als Lehrer, von denen sie beim Aufwachsen ein Handwerk etc. lernen, lernen, sich im Leben, in Arbeit und Familie, als reife Erwachsenen zurechtzufinden und zu interagieren.

Bly beschreibt, daß er sich in der Zweierbeziehung mit seiner Frau nie als König fühlt, sondern immer schwach. In einer kleinen Gruppe von 4 - 5 Leuten fühlt er sich wesentlich stärker und richtig stark fühlt er sich in einer größeren Gruppe von mehr als 200 Personen. Das Verhältnis und die Integration von innerem und äußerem König ist ein wesentliches Thema in seinen Seminaren.

Die Männer in unseren heutigen westlichen Gesellschaft haben nicht nur die Anbindung an den „Wilden Mann“, die Natur, verloren, sondern haben auch ein einseitiges Verhältnis zum Inneren Krieger. Bly betont, daß es sich dabei nicht um die blutrünstige, aggressive Identifikationsfigur handelt, wie so oft mißverstanden. Vielmehr repräsentiert der Innere Krieger diejenige Kraft in uns, die uns eine Aufgabe bis zum Ende durchführen läßt. Allerdings braucht der Krieger einen König, dem er dient, ein transzendierendes / übergeordnetes Ziel zum Wohl des Ganzen. Der König trifft die Entscheidungen. Fehlt diese innere Instanz, nimmt die negative Seite des Kriegers, der Schatten, überhand. Der Krieger trifft nun die Entscheidungen, wird zum Tyrannen, zum Drogenbaron, zum Gangsterboß, zum Killer.

Der Krieger verteidigt die Grenzen des Landes gegen feindliche Übergriffe. Genauso, sagt Bly, verteidigt der Innere Krieger, unsere persönlichen Grenzen gegen körperliche, sexuelle, psychologische und emotionale Übergriffe. Fehlt uns die Stärke des Inneren Kriegers, fühlen wir uns vom Leben in die Ecke gedrängt, und wir handeln aus der Defensive heraus, wir sind nicht frei.

Dieser Rollenverlust geht einher mit dem Verlust der Initiation des Jungen zum Mann. In früheren Kulturen fanden Initiationsriten statt, die den Jungen zum Mann machten. Später übernahmen die Väter die Rolle, bzw. ältere Männer in der Form von Lehrern oder Ausbildern. In der Anonymität der Industriegesellschaften ging die Anbindung an ältere Männer verloren, die durch ihr Vorbild dem Jungen halfen zum Mann zu werden. Dieser Prozeß von der jungenhaften Energie zur Maskulinität hatte eine zellulare Bedeutung, sie war von zellularer Wichtigkeit und ist den heutigen Männern durch die gesellschaftliche Entwicklung verlorengegangen.

Er zieht die Verbindung von der individuellen Verneinung der realen Situation: sein Vater war Alkoholiker, er befand sich mit seiner Mutter in einer Verschwörung gegen den Vater und war von der Familie als Witzbold, Clown angeheuert, um die gute und fröhliche Seite seiner Familie nach außen zu vertreten. Jedem Familienmitglied war eine bestimmte Funktion zugewiesen worden und damit befand sich die ganze Familie in der Verneinung der Realität. Alle spielten ihre Rolle in dem Drama und dieses, so beschreibt Bly, ist das alltägliche Drama in unseren Familien.

Bly beschreibt mit deutlichen Worten, wie der Alltag der Masse und politische Zusammenhänge sich verbinden: Reagans Vater war ein Alkoholiker, der die Trauer über seine Familienverhältnisse nie zugegeben bzw. überwunden hat. Dasselbe gilt für Präsidenten wie Carter, Bush und Ford. Sie befinden sich in dem emotionalen Zustand der Verneinung. Wenn sie - so Bly - die tiefe Trauer über ihre Familienverhältnisse verneinen können, ist es ein Kinderspiel, reale politische Probleme wie z.B. die hohe Obdachlosigkeit und das Haushalts-Defizit zu verneinen. Es besteht quasi eine gegenseitige psychologische Abhängigkeit (Co-dependency) zwischen dem Großteil der Nation und ihrer politischen Führung. In dieses psychologische Bild gehört auch die Verneinung aller Präsidenten der Vereinigten Staaten der großen Probleme, die der Vietnam-Krieg in USA hinterlassen hat. Diese grundlegende Tendenz zur Verneinung aller tiefen Gefühle der Trauer drückt sich auch darin aus, daß USA niemals die Schatten der Vergangenheit aufgearbeitet hat, Schatten, wie die fast völlige Vernichtung der Indianer und die Diskriminierung der Schwarzen.

Bly verweist in diesem Zusammenhang auf die Parallele zu Deutschland und auf die Arbeiten von Alexander Mitscherlich, der u.a. in seinem Buch „Die Unfähigkeit zu trauern“ versucht, die Deutschen auf ihre mangelnde Aufarbeitung der jüngsten deutschen Geschichte hinzuweisen. Mitscherlich spricht bezüglich Deutschland nicht von einem schwachen Vater, sondern von einem abwesenden Vater und vergleicht die gesellschaftliche Situation der USA mit Deutschland. Wenn, so Mitscherlich, ein Junge nicht die meiste Zeit des Tages mit dem Vater verbringt, sondern dieser nur abends oder hin- und wieder verfügbar ist, so entsteht ein Loch in der Psyche des Jungen und dieses Loch wird mit „Teufeln“ gefüllt; den Teufeln des mangelnden Vertrauens und vor allem des mangelnden Vertrauens älterer Männer. Bly zieht auch hier wieder Parallelen zu sich selbst und beschreibt, wie er als anerkannter junger Poet alle älteren Poeten angriff. Er gab ein Literaturmagazin heraus, in dem er Kritik verteilend wild um sich schlug.

Hat man als Mann nicht das Vertrauen in ältere Männer, holt man sich das, was man an männlicher Anerkennung braucht, von Frauen. Diese beschweren sich dann wiederum, daß man mit ihnen nicht genug über die wirklichen Gefühle kommuniziert. Der Teufelskreis ist damit geschlossen.

Dr. Donald Epstein, der bekannte Begründer und Leiter des Chiropractic Networks (siehe Seite 34 espacio time 2/97) sagte auf einer Konferenz in Paris am 22.03.97, daß Kinder, die keinen Regeln unterworfen werden, es unglaublich schwer haben, eine eigene und vor allem unabhängige innere Identität zu entwickeln. Diese Kinder sind diejenigen, die zu wirklichen emotionalen Krüppeln werden, nicht diejenigen, die sich an Autoritätsfiguren reiben mußten und sich daran entwickeln konnten. Menschen mit einem Mangel an Autoritätsfiguren in ihrer Kindheit, so Dr. Epstein, neigen im Erwachsenenalter verstärkt zu Problemen mit der Wirbelsäule.

Es finden sich mehr und mehr Männer zu Blys Veranstaltungen zusammen und er beginnt mit von ihm gespielter Musik und rezitiert seine Gedichte. Die Motivation der Männer, an diesen Treffen teilzunehmen, ist nicht, sich gegen Frauen zusammenzutun, oder zu den alten destruktiven, aggressiven und dominanten Verhaltensweisen chauvinistischer Tage zurückzufinden, sondern ihren eigenen Gefühlen des Verlustes nachzuspüren, um eine neue Integration ihres Seins und ihrer Rolle zu finden. Männer - so Bly - spüren den Verlust von vertrauten Mythen und Landkarten für ihr Leben und fühlen sich in diesen verwirrenden Zeiten alleingelassen. Es besteht aber eine große Hoffnung und Bereitschaft, von einander zu lernen, in dem sie die Konflikte, Unsicherheiten und Probleme ihres Lebens miteinander austauschen.

Bly mußte Mitte vierzig werden, bevor er zum ersten Mal aus der Verleugnung seiner Familiensituation treten und - trotz aller seiner Erfolge - erkennen konnte, auf welch wackeligem Fundament sein Selbstverständnis stand. Zum ersten Mal tauchte das Vater-Thema in einem seiner Gedichte auf.

Im Altertum, so erkannte er, war die Selbstfindungsrichtung des Mannes nach unten, ein Abstieg in Gram, Trauer und Schmerz. Bevor man wirklich ein Mann werden kann, muß der Abstieg zu diesem Ort gewagt werden,. In den alten Märchen wird dies als Zeit der Aschen, als Zeit des Abstieges beschreiben.

Auch wurde Bly nun klar, daß sein Leben nicht eine immerwährende Serie von Erfolgen und Triumphen war, oder ein ständiger Aufstieg hin zum Höheren Bewußtsein, wie es so oft in der New Age Bewegung angestrebt wird. Vielmehr fordert das Leben von uns, sich auf den Abstieg in die Niederungen der negativ besetzten Gefühle einzulassen. Für Bly hieß das, sich seinem Verhältnis zu und mit seinem Vater zu stellen.

Robert Bly ist ein weiterer Künstler, der in der espacio time vorgestellt wird, weil er seine Überzeugung lebt: er ist seine Überzeugung. Wir empfehlen seine Bücher, Videos und Kassetten.

Christa Muths
B.Sc., M.A, M.Sc.,
Leiterin espacio, International Centre for Holistic Studies
Herausgeberin von Treff-Räume espacio time

zurück

© Copyright: Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Herausgebers.