Mythen und Wissenschaften

Zur Wiederbelebung der Beziehung zwischen Mensch und Natur

"Nature is what we know -
Yet have no art to say -
So impotent Our Wisdom is
To her Simplicity"

Die Natur ist etwas, mit der wir vertraut sind
doch beherrschen wir nicht die Kunst, sie auszudrücken
wie unzulänglich ist doch unsere Weisheit
im Vergleich zu ihrer Schlichtheit.

 

Emily Dickinson, American, 1830-1886
 

Es ist erstaunlich, daß wir auf der Erde die einzige Spezies sind, die bestrebt ist, die Geheimnisse der Natur zu entdecken, aber auch als einzige in der Lage ist, unsere Umwelt bewußt in außergewöhnlicher Weise zu manipulieren. Es ist ironisch, daß wir trotz diesem Umstand bezüglich unserer Vorstellungen und Konzepte, die uns helfen das Universum um uns herum und unsere Realität zu verstehen, sehr begrenzte Fähigkeiten haben. Diese Vorstellungen sind nicht mehr als Metaphern, bestimmt durch unsere Sprache und ihre verschiedenen Ausdrucksweisen.

Dieser Artikel basiert auf der Idee, daß sich die menschliche Fähigkeit hinsichtlich metaphorischer und symbolischer Gedanken in allen Bereichen des menschlichen Lebens bemerkbar macht, einschließlich der Gestaltung unserer Sprache wie auch in den Grundlagen der scheinbar voneinander getrennten Bereiche, die wir auf der einen Seite empirische, rationale Wissenschaft und auf der anderen Mythologie nennen. Erst wenn nach und nach die Ansprüche dieses Ansatzes, des Beweises der Gültigkeit und Stichhaltigkeit abgebaut werden, kann eine neue in sich schlüssige Kosmologie entstehen, welche die unterschiedlichen und isolierten Errungenschaften der menschlichen Denkfähigkeit vereinigt. Sehen wir uns zuerst die Naturwissenschaft an, die Art der Wissenschaft, die ein Ergebnis des "rationalen Verstandes" ist. Im heutigen technologischen Zeitalter hat diese Art von Wissenschaft den Anspruch der Wahrheit gepachtet und alles, was dieser "Wahrheit" widerspricht, wird sofort als ungültig abgestempelt. Wir lernen wissenschaftliche Gesetze und mathematische Formeln in der Schule und geben uns mit der Idee, daß unsere wissenschaftliche Gesetze eine universelle Wahrheit sind, welche sich immer und immer wieder durch Versuche bestätigt läßt, zufrieden. In diesem Konzept stimmt nur eines nicht. Die Ergebnisse unserer Wissenschaften haben unser Leben komfortabler gemacht und die Lebenserwartung verlängert . Alles funktioniert aber nur innerhalb des Rahmens unserer erlernten Wahrnehmung. Wir konstruieren leidenschaftlich gerne wissenschaftliche Modelle und verwenden diese Modelle dann, um unter den vorgegeben Bedingungen des Modells vorauszusagen, was eintreffen wird. (siehe Artikel über AIDS von Marc Rackelmann, Seite 32) Aber diese Modelle sind genau wie Formeln oder Theorien, Vereinfachungen und auch nur Repräsentanten äußerer Phänomene, die lediglich die gleichen Charakteristiken aufweisen wie Metaphern oder Worte bzw. Symbole etc. Zeichen und Symbole werden allgemein als eine linguistische Einheit verstanden, welche auf eine außerhalb der Linguistik liegende Realität verweisen. Sie können aber auch etwas darstellen, was sich völlig von der zunächst angenommenen Bedeutung unterscheidet. Welches Apfel-sein drückt sich implizit im Wort Apfel noch aus abgesehen von dem Gedanken, der durch unser Denken gelenkt wird. Welche andere Bedeutung außer den uns bekannten, liegt noch in dem Wort verborgen? Metaphern arbeiten in derselben Weise, aber eine Metapher kann außerdem intra-linguistisch angewandt werden, indem man ein Zeichen für ein anders austauscht, wobei die beiden Zeichen überhaupt nicht miteinander verwandt sein müssen, aber mit uns in einer engen Beziehung stehen. Wir können über unsere 'moralischen Wertvorstellungen' als Festung gegen die Versuchung reden oder über den 'Frieden' als eine weiße Taube sprechen, ohne daß wir die Begriffe direkt anwenden müssen. Wissenschaftliche Modelle arbeiten ähnlich: sie machen uns etwas deutlich, illustrieren es für uns indem das Modell für das Phänomen selber steht. Wir können Computer anwenden, um den Treibhauseffekt zu simulieren oder wir können Licht erklären, indem wir das Model der Welle nehmen, um damit bestimmte Merkmale der äußeren Welt zu erklären. Aber aus den gleichen Gründen, aus denen ein Apfel nicht mehr mit dem Wort gemeinsam hat als es in unserem Gehirn auslöst, hat jedes Modell deshalb wenig gemeinsam mit dem Phänomen, welches es zu beschreiben versucht. Aus diesem Grunde entsprechen die Simulationen des Treibhauseffektes nicht dem sachlichen Geschehen und aus dem selben Grunde steht unser Modell des Lichtes im Widerspruch zum Modell des Lichtes als Teilchen oder Strahl, obwohl dieses Modell genauso gültig ist wie das des Lichtes als Welle. Modelle können ein Merkmal simulieren an dem wir interessiert sind. Damit diese Modelle aber völlig unfehlbar sind, müßten sie nicht mehr und nicht weniger als genau das gleiche, zu beschreibende gesamte Phänomen einschließen. Dieser Ansatz der Kritik an der Universalität/Allgemeingültigkeit wissenschaftlicher Theorien wurde von Jack Cohen und Ian Stewart in ihrem Buch: "The Collapse of the Chaos" sehr anschaulich vorgestellt. Sie werfen die folgenden Fragen auf: "Sind unsere Vorstellung von den Naturgesetzen nur Wortspiele des Verstandes, die teilweise deckungsgleich mit dem sind, was unsere Neurologie sich vorstellen kann und dem, was wirklich geschieht?". Die Autoren verwenden als Beispiel die epizyklischen Theorien von Ptolemäus. Im Verständnis dieser Theorie kreist ein Planet um ein Zentrum, welches sich ebenfalls im Kreis bewegt. Dieses mathematische Konzept kann aber auch zu der Erklärung verwendet werden, daß sich Planeten quadratisch anstatt kreisend bewegen. Zusammengefaßt läßt sich sagen, daß die Realität nicht mit den von uns aufgestellten Metaphern übereinstimmen muß.

Mythen sind wie die Wissenschaft eine von vielen Metaphern und es scheint wahrscheinlich, daß unsere Wissenschaft Metaphern zur Erklärung von Phänomenen aufstellt, die sich von den schon existierenden Erklärungen und Metaphern des mystischen Bewußtseins unterscheiden. Das beste Beispiel ist die heute berühmte Proklamation des Häuptlings Seattle von vor über 100 Jahren, als er überlegte, das Land seines Stammes an die Vereinigten Staaten zu verkaufen. Seine vielen poetischen Betrachtungen darüber, wie alle lebenden Dinge miteinander verbunden sind, zeigt eine bemerkenswerte Parallele zu dem, was wir innerhalb der biologischen Wissenschaften Symbiose nennen. Eine Micmac Geschichte (1) von Nova Scotia erregte meine Aufmerksamkeit besonders: die beiden Hauptfiguren waren alte Frauen, gleichzeitig aber auch Bären, für die die typischen Eigenschaften beider Arten austauschbar waren (Whitehead, 9 -21). Diese Beziehung verursacht in einer Gesellschaft, die mit dieser Idee vertraut ist, keine Verwirrung; jedoch in einer Gesellschaft mit anderen Voraussetzungen: dann, wenn die Basis des allgemeinen Verständnisses die ist, daß wir alle von denselben Vorfahren abstammen, wie uns die Taxonomen (2) heute erzählen. N. Scott Monady, der berühmte indianische Schriftsteller aus Nord-Amerika beschreibt in seinem Roman "Ancient Child" eine ähnliche Beziehung zwischen einem Mann und einem Bär. Ein mexikanischer Zauberer namens Nagual, ein alter Mann, der sein Erscheinen in einen Hund verwandeln kann, wird normalerweise als teuflisch angesehen. Ich kann mich aber nicht der Überlegung wehren, daß hier ein modernes Interpretations- Misverständniß zu einem sehr alten und vergessenen mystischen Konzept vorliegt, welches nun mit den abendländischen Ideen der Hexerei verglichen wird. Diese Geschichten haben eine andere Schattierung als die Legenden und Märchen die wir kennen, weil die Beziehung zwischen den Menschen und den Tieren sehr viel enger und verbundener erscheint als einfach nur die Darstellung des Charakters der Tiere zum Zwecke der menschlichen Satire wie es der griechische Schriftsteller Aesop und seine Kollegen in Fabeln taten. Mexikanische Bauern verstehen, wie die Dinge zusammenhängen, wenn sie Mais, Kürbisse und Bohnen zusammen anbauen. Angus Wright und Paul Manglesdorf beschreiben die symbiotische Beziehung zwischen den drei Gemüsearten basierend auf ihren eigenen Beobachtungen und Erfahrungen, wie der Kürbis das Unkraut erstickte und die Bohnen die Mais-Stauden erklammen und dadurch Riboflavin und Nikotin-Säure für den Mais produzierten. (Wright, 154) Die Ironie dieser ganzen Untersuchungen aber ist, daß Paul Manglesdorf einer der Wissenschaftler ist, der mit an der Entwicklung Mexikos zur hoch-technisierten Gesellschaft arbeitete. Das Ergebnis dieser Entwicklung ist die nicht tragfähige Grüne Revolution in Mexiko, die von Wright kritisiert wird. Wissenschaftler finden gerade heraus, daß Kunstdünger und Schädlingsbekämpfungsmittel nicht endlos angewandt werden können und daß ein ständiges Spielen mit der Genetik (Vererbungslehre) und Monokulturen langfristige Folgen haben. Es wäre gut, wenn sie sich mehr und mehr mit den oben beschriebenen und anderen traditionellen Bräuchen beschäftigen würden.

Es gibt auch andere Beispiele einer direkten "Piraterie" des traditionellen Wissens, welches in unserer modernen Zeit auftaucht. Vandana Shiva schrieb einen kurzen, aber sehr aufrührenden Artikel wie die Wissenschaftler aus den Pflanzen, die in der traditionellen Medizin verwendet wurden, chemische Verbindungen extrahierte, um diese als Patent und Privateigentum legitimieren zu können, was zuvor kommunales Wissen war. Es ist sehr interessant, daß die Metaphern von Ritualen und Magie hier aufgehoben wurden, um die wissenschaftlichen Metaphern durchzusetzen, damit die Anwendung legitimiert werden konnte; obwohl beide Anwendungen dem gleichen Zweck dienen!

Es gibt auch noch andere Beispiele, wo Metaphern der Vergangenheit dem Wechsel der Zeit widerstanden haben und eine neue synkretistische (3) Ideologie der heutigen Zeit gebildet haben. Mexiko ist lebendes Beispiel eines Synkretismus zwischen dem europäischem und dem mittelamerikanischem Glaubenssystem, eins löscht nicht das andere aus. Julio Glockner hat die zeitgenössischen Rituale der den Vulkanen Popocatépetl und Iztáccihuatl angebotenen Opfer sowie die Gemeinschaft der dort lebenden Indianer untersucht. Die Indianer stehen in einer engen Beziehung zu dem Berg, der unabdingbar für ihren Lebensunterhalt steht. Er zeigt ganz klar das Überleben der alten Bräuche und Rituale auf: "... das synkretistiche Netz gedeiht besonders in den Gemeinschaften, in denen die Art des Lebensführung die Hilfe der Götter verbunden mit den Elementen und Eigenschaften der Natur erwartet/benötigt: die Götter des Wassers, Windes, Berge und Vegetation. In diesen Zusammenhängen die Existenz der indianischen Gottheiten als einen Fehler zu betrachten, der mit der Beschwörung des Teufels zusammenhängt, war mit Sicherheit so absurd für die Indianer, wie den Regen als einen Fehler zum Wachstums des Mais zu betrachten." (S. 114. Übersetzung des Autors) Zusammenfassend möchte ich betonen, daß das, was wir auf der einen Seite Mythen und auf der anderen Seite empirische Wissenschaft nennen, uns für Tausende Jahre erfolgreich Metaphern zum Vereinfachen und Verstehen gegeben haben, die zwar nie die volle Realität erfaßten, aber zumindest teilweise in der Lage waren uns Eigenschaften, die das Universum beherrschen, zu erklären. Doch wenn auch der mystische und wissenschaftliche Ansatz hinsichtlich des Verständnisses der Welt gleichbedeutend gültig sind, keiner dieser Ansätze kann erklären, wie die Dinge wirklich funktionieren. (siehe Cohen und Stuart S. 365) Beide Autoren verweisen auf Lovelocks Formulierung der Erde als ein einziger Organismus, Gaia genannt, welche nicht nur von der Umweltschutzbewegung mißbraucht wurde, sondern sie weisen auf einen grundsätzlichen Mangel dieser Theorie hin und zitieren den Biologen Richard Dawkins: der Fakt, daß die Erde sich nicht im Wettbewerb mit anderen ähnlichen Organismen befindet. Sie nimmt keinen Platz in Anspruch wie andere Organismen, da sie nur in einer Leere treibt. Sie stimmen jedoch darin überein, daß dieses Konzept eine Aufgabe erfüllt, da es uns ein neues Ziel und eine neue Perspektive hinsichtlich unserer Rolle auf diesem Planeten gibt. Sie könnte uns in die richtige Richtung führen. ( 378 - 380)

Wir müssen hier klarstellen, daß ein Wechsel stattfinden muß, wie Thomas Berry ausführt: "... von einem anthroprozentrischen (hier steht der Mensch im Zentrum des Geschehens) zu einer biozentrischen (hier steht alles Leben im Zentrum) System von Bezugspunkten (21)." Sein Buch "The Dream of the Earth" ist eine überzeugende Bitte diesen Wechsel durchzuführen und er argumentiert, daß unser Verständnis des Universums dank der Wissenschaft nun ausreichend ist, uns eine neue Kosmologie zu geben, welche uns helfen kann, das Universum neu zu definieren und damit auch uns selbst als ein einzelnes historisches Ereignis mit all seinen "zahlreichen" Auswirkungen. Dieser Wechsel kann zu radikal sein, da es nicht klar ist, wie wir den Anthropozentrismus insgesamt ausmerzen können, da wir die einzige Art in dem uns bekannten Universum sind mit dem Bedürfnis eine Bedeutung darin zu entdecken. Ich mußte zu meiner Enttäuschung erfahren, daß diejenigen, die die Pyramiden hier in Cholula bauten, auch dieses Gebiet entwaldet haben, um damit den Kalk für die Konstruktion der Pyramiden herzustellen. Sie müssen sich für sehr wichtig gehalten haben, um so viel ihrer Landschaft zu zerstören.

Ich glaube aber, daß, wenn wir tatsächlich zu unserem eigenem Vorteil den synergetischen (4) "Gehirn -Wortspielen" zuhören sollten und Wissenschaft und Mythen miteinander verbinden, wir uns selbst von dem Konzept der Entwicklung einer modernen Welt freimachen können und dann wirklich in die Umsetzung und das Erhalten der diversen kulturellen und biozentrischen Praktikern voranschreiten, die mit den Lebensmustern der verschiedenen Regionen unseres Planeten in Synchronizität verbunden sind.

Der erste Schritt wäre zu lernen, andere Lebensmuster wertzuschätzen und das nicht nur für den trivialen Wert der Kuriosität, sondern diese als einige der bereits erprobten Antworten der unendlichen Geheimnisse anzunehmen, die die Natur für uns bereit hält.
Scott Hadley 
San Andrés, Cholula Mexiko
M.A. Spanish Literature
Dozent für Englisch und Volkswirtschaft an der
Benemérita Universidad Autónoma de Puebla, Mexico
Übersetzt aus dem Englischen von Christa Muths

Scott Hadley

 

1 Die Micmacs sind ein Indianer Stamm, die in der Provinz Nova Scotia an der arktischen Küste von Kanada leben. (zurück zum Text)
2 Taxomonie ist die Wissenschaft der Klassifizierung von Tieren. (zurück zum Text)
3 synkretistische: vermischend. (zurück zum Text)
4 synergetisch: zusammenwirkend. (zurück zum Text)
 

Literatur:

Berry, Thomas. The Dream of the Earth. San Francisco: Sierra Club Books, 1990.
Cohen, Jack & Ian Stewart. The Collapse of Chaos: Discovering Simplicity in a Complex World. New York: Penguin Books, 1994.
Glockner, Julio. Los volcanes sagrados: mitos y rituales en el Popocatépetl y la Iztaccihuatl. Mexico City: Grijalbo, 1996.
Shiva, Vandana. "¨De quién es la biodiversidad?" Supplement of El Programa de las Naciones Unidas para el Medio Ambiente (PNUMA) 1.1 (1995): 11.

Whitehead, Ruth Holms. Six Micmac Stories. Halifax, Nova Scotia: Nimbus Publishing and The Nova Scotia Museum, 1992.

Wright, Angus. The Death of Ramón González: the Modern Agricultural Dilemma. Austin: University of Texas Press, 1992.

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