Zur Philosophie der Krankheit

Gesundheit - Krankheit im Wandel der Geschichte: Definitionen, Interpretationen und Konzepte. Wie kann die Gesundheit erhalten werden und die Krankheit behandelt? Subjektive Wahrnehmung und gesellschaftliche Bedeutung, die Entwicklung unseres heutigen Krankheitsbegriffes.

Gesundheit und Krankheit bestimmen unser Leben ebenso wie Essen und Trinken, Schlafen und Wachsein. Die Weltgesundheitsorganisation (WH0) drückt in ihrer Formulierung, “Gesundheit ist die Abwesenheit von Krankheit, und Krankheit ist das Fehlen von Gesundheit”, das allgemeine Verständnis der Bevölkerung aus.

Wie der einzelne Mensch Krankheit und Gesundheit persönlich wahrnimmt, ist so komplex wie sich das Verhältnis im Zusammenspiel darstellt. Jemand, der eine einfache Erkältung hat, kann sich jedoch völlig krank fühlen, während jemand mit einem gebrochenen Bein oder Arm, sich völlig gesund fühlen kann. Bischof Tutu, Freund von Nelson Mandela, dem südafrikanischen Präsidenten, erhielt kürzlich die Diagnose Prostata-Krebs. “Ich fühlte mich kerngesund”, sagt er dazu, “bis der Doktor mich als krank diagnostizierte.”... Solche Aussagen stürzen die Patienten zusätzlich in eine Katastrophenstimmung, aus der es oft unendlich schwer ist, herauszukommen. Gesundheit und Krankheit werden von jedem emotional, verstandes-mäßig, körperlich und spirituell subjektiv anders wahrgenommen und demzufolge wird anders damit umgegangen. Es gibt aber in jeder Gesellschaft grundlegende Tendenzen, wie Gesundheit und Krankheit verstanden werden und auch in welchem Rahmen Behandlungs- bzw. Heilungsprozesse angeboten und akzeptiert werden. Das heißt, wie immer individuell wir auf unsere Krankheiten reagieren, wir sind durch unseren Erziehungsprozeß und das gesellschaftliche Umfeld in unserer Wahrnehmung geprägt. Verhalten wir uns anders, als es die Normen der Gesellschaft zulassen, werden wir auch heute in unserer eigenen Kultur mit Sanktionen verschiedenster Art bestraft. Eine Geschichte von Gesundheit und Krankheit muß demzufolge die dem Themenkreis innewohnende Komplexität und die unterschiedlichen Konzepte der Kultur sowie die Menschen dieser Kulturen beleuchten.

Mythen der uralten Kulturen berichten von einem Goldenen Zeitalter , einem Paradies, welches frei von allen Krankheiten war, gefolgt von schwierigen Zeiten, in denen die Menschen mit vielen Krankheiten zu kämpfen hatten. Auch in der Bibel wird beschrieben, warum der Vater und die Mutter der Menschheit das Paradies verlassen mußten: Eva reichte Adam den Apfel vom Baum der Erkenntnis und sie hatten das Paradies zu verlassen. Seit dem Ende des Goldenen Zeitalters hatten die Menschen mit Plagen (Unglücken und Katastrophen) und dem Teufel zu kämpfen. Eine der Plagen und eine Form des Leidens waren Krankheiten. Die Geschichte hat uns nicht überliefert, ab wann die Krankheit als eine spezifische Ausdrucksform des Leidens unterschieden wurde.

Im Atharva-Veda des alten Indien gab es Gebete, die verrückten Personen helfen sollten. Geisteskrankheiten, die vom Teufel verursacht wurden, konnten mit den Gebeten zu Gott wieder ausgetrieben werden. Auch hier ist es schwer, zwischen Krankheiten und anderen Formen des Leidens zu unterscheiden. Alle Plagen entstanden aber aus Sünde gegen Gott und kamen vom Teufel. Geheilt wird im Atharva-Veda durch Gebete und nicht mit medizinischen Methoden.

Im alten Ägypten und Mesopotamien wurden Krankheiten ähnlich gesehen und behandelt. In den alten Schriften werden Krankheiten als ein Komplex von Symptomen bezeichnet und oft an bestimmten Teilen des Körpers festgemacht. Auch hier wird die Person von den Krankheiten “befallen” und viele der Bezeichnungen der Krankheiten bzw. Symptome sind verbunden bzw. identisch mit Namen von Dämonen aber auch von Göttern.

Hier finden wir aber schon so etwas wie eine Diagnose, eine Prognose sowie Behandlungsmöglichkeiten der Krankheit. Schon in den Schriften des Alten Königreiches finden wir Hinweise darauf, ob die Krankheit behandelt werden kann oder nicht behandelt wird, da die Behandlung als erfolglos erachtet wird. In Bildern und Schriften dieser Kulturen finden sich Hinweise darauf, daß zwischen verschiedenen Arten von Krankheiten deutlich unterschieden wird: Verletzungen äußerer Art und innere Krankheiten.

In Mesopotamien wurde von den dortigen Medizinern das Auslegen von Omen zu einer Kunst entwickelt, welches Auskunft über Ursache und mögliche Behandlung der Krankheit geben kann. Nicht nur Menschen konnten von Krankheiten befallen werden. Manche Krankheiten, wie z.B. Zara‘ath, als Lepra übersetzt, befielen auch Häuser und Gärten. Auch in diesen beiden Kulturen wurden Krankheiten als Ausdruck von rituellen Unreinheiten gesehen, die auch durch die Anwendung von Ritualen wieder beseitigt werden konnten. Sie wurden auch als Strafe für Verstöße gegen Tabus, gesellschaftliche Regeln oder bewußt ausgeübte Straftaten gegen Menschen und Gott angesehen. Krankheiten konnten aber auch von Zauberern sowie Dämonen und Göttern verursacht werden.

Diese alten Gesellschaften waren aber nicht auf logischen Zusammenhängen aufgebaut und deshalb läßt sich kein komplettes oder gesellschaftlich übergreifendes System vom Verständnis für Krankheit und Gesundheit finden. Die Konzepte dieser Gesellschaften basierten auf einem magischen Verständnis von Krankheit und Gesundheit. Die Verbindung zwischen Herz und Puls war bekannt sowie die Existenz von Blut und Adern, durch die das Blut fließt und die die Krankheiten innerhalb des Körpers transportierten. Es wurde mit Farben, Kräutern, Salben, Opfern, Ritualen und Gebeten geheilt. Die alten Ägypter balsamierten ihre Leichen, um sie gegen Dämonen zu schützen. Falls die Leichen nicht oder nicht ausreichend behandelt wurden, wurden sie von einer Krankheit befallen, von denen sie zerstört wurden. Diese Krankheit hieß Whdw und ist identisch mit dem Namen eines Dämonen. In den späteren ägyptischen Kulturen wird aber verstanden, daß Krankheit/Dämon Whdw mit bestimmten biologischen Prozessen zusammenhing. In der Geschichte der Krankheit wird diese Erkenntnis als der entscheidende Punkt in der Entwicklung einer archaischen zu einer rationalen und systematischen Betrachtungs- und Behandlungsweise angesehen, die von den Indern, Griechen und Chinesen weiterentwickelt wird.

In der indischen Caraka Samhitá wird “Gesundheit als die höchste Quelle von Wohlstand, Freude und Erlösung” beschrieben, während Krankheiten die Gesundheit, gutes Leben und eben das Leben selbst zerstören. Gesundheit, aber auch die Krankheit “wohnen” in Geist und Körper des Menschen. Wind, Schleim und Gallensäfte sind die drei Doshas, die für das Entstehen von Krankheiten des Körpers verantwortlich sind, während Leidenschaften und Wahn für die Krankheiten des Geistes verantwortlich sind. Die Ayurveda hat ein weitreichendes und umfassendes Diagnose- und Behandlungssystem, welches in das Gesamtverständnis von Leben und Philosophie eingebettet ist. Während der Körper mit somatischen (wie z.B. Ausgleich durch Veränderung der Eßgewohnheiten, Salben, Kräuter etc.) und spirituellen Methoden behandelt werden kann, werden geistigen Krankheiten durch religiöse und philosophische Aktivitäten, sowie Seelenstärke und Konzentrationsübungen geheilt. Obwohl viele äußere und innere Ursachen für das Entstehen von Krankheiten des Köpers und des Geistes verantwortlich gemacht werden, können auch Dämonen dabei eine Rolle spielen.

Gesundheit und Langlebigkeit waren hohe Ziele in der indischen Philosophie und Lebenskunst. Die indische ayurvedische Medizin, wie sie heute vertreten wird, gilt in weiten Fachkreisen als die umfassendste bestehende Medizin überhaupt.

Die chinesische Medizin weist im Grundsatz Ähnlichkeiten mit der indischen auf. Gesundheit und Krankheit sind Teil der Lebensphilosophie des Taos, der philosophischen und religiösen Grundlagen der chinesischen Gesellschaft. Die beiden Grundprinzipien des Taos, das Yin und Yang und deren Zusammenspiel drückt sich in allen anderen Prinzipien des Lebens aus: so wie männlich und weiblich, negativ und positiv, schwarz und weiß etc. Gesundheit und Krankheit sind Ausdruck und Form des menschlichen Mikrokosmos mit seinen entsprechenden Parallelen im Makrokosmos. Führt man sein Leben entsprechend den Regeln des Taos, kann Gesundheit und langes Leben erlangt werden.

Ein ausführlicher Bericht über die Wirkungsweise der Chinesischen Medizin wurde von espacio time in folgenden Ausgaben abgedruckt: espacio time Nr. 4/96, 1/97 und 2/97, Heilen in Fernost, Dr.med.univ.M.Jaschke.

Krankheiten entstehen, wenn die Körperkreisläufe und die damit verbundenen Energien der fünf Elemente Wasser, Feuer, Luft, Metall und Holz nicht im Ausgleich sind. Auch in der chinesischen Medizin stehen Lebensumstände, Philosophie, das heißt das Eingebettet-Sein des Menschen in sein Leben an sich, in direktem Zusammenhang mit seiner Gesundheit bzw. Krankheit.

Im Schintoismus hingegen, gegründet von Gyogi, einem koreanischen Mönch, im 7. Jahrhundert v. Chr., - der die alte Religion Japans mit dem Buddhismus verbindet und dadurch die Ablösung der alten japanischen Kultur von der übernommenen chinesischen Tradition vorbereitete -, werden die verehrten Shinto-Gottheiten (Naturgeister und Nationalhelden) als Verkörperungen von Buddha angesehen. Hier lebt der Mensch in einer sich ständig wandelnden Welt, in der er als Teil dieser Welt sich ständig mitwandelt und Krankheit wie Gesundheit sind als Ganzes Teil dieser ständigen Wandlungsprozesse. (siehe dazu auch die Artikel von Klaus Schlapps (S.36) und Juan Vásquez (S.42) zum Schamanismus ihrer Kultur in dieser Ausgabe der Treff-Räume espacio time .)

Bei den Griechen war die Gesundheit ebenfalls eines der erstrebenswertesten Ziele. Der Schriftsteller Theornis spricht von Gesundheit als “das wünschenswerteste Ziel im Leben”. Krankheit wurde verabscheut, der Begriff, daß “ein gesunder Geist in einem gesunden Körper lebt”, kennzeichnet das Verhältnis der Griechen zu Gesundheit und Krankheit. Die Komplexität der griechischen Medizin sowie die hohe Position in der Gesellschaft spiegeln diese Einstellung wider. Hygiene spielt bei den Griechen eine große Rolle und es wird viel Zeit damit verbracht, um Gesundheit und Schönheit, die miteinander eng verkoppelt sind, zu erhalten bzw. zu erlangen. In der griechischen Literatur werden Störungen von Gesundheit und Schönheit als Krankheit bezeichnet. Gesundheit ist ein Zustand im Einklang mit der Natur, während Krankheit ein Zustand ist, der der Natur entgegensteht. Die Störungen, d.h. Krankheiten, konnten körperlicher oder übersinnlicher Art sein, sie konnten verschiedenste Ursachen haben. Sie konnten auch von Göttern bzw. Dämonen geschickt sein und die Götter konnten auch die Krankheiten wieder aufheben. Trotzdem wurden Krankheiten von griechischen Medizinern und Philosophen als natürliche Prozesse bezeichnet und somit wird die griechische Kultur geschichtlich als diejenige betrachtet, in der Krankheiten verweltlicht wurden. Die Auffassung, daß alle Krankheiten göttlichen Ursprungs waren und die für uns gegenteilige Auffassung, daß alle Krankheiten menschlicher Natur seien, wurde von den Griechen nicht als widersprüchlich erlebt, sondern kennzeichnet das Gesamtkonzept der griechischen Medizin. Medizin und Philosophie sind bei den Griechen erstmals getrennte Disziplinen. In allen anderen hier besprochenen Kulturen ist das Verständnis von Gesundheit und Krankheit Teil einer umfassenden Lebensphilosophie.

Die Geschichtsschreibung sieht das Zeitalter der Griechen als das erste Zeitalter, in dem sich das Konzept von Krankheit und Gesundheit grundsätzlich von früheren heidnischen Konzepten unterscheidet, da zum ersten Mal der Versuch gemacht wurde, Krankheiten systematisch und methodisch zu verstehen und zu behandeln.

Hippokrates (460 - 377 v. Chr.) gilt als Vater der Medizin und Begründer der abendländischen Medizin. Auf den Eid des Hippokrates schwören heute noch alle Mediziner der westlichen Welt. Er ging davon aus, daß die Wurzeln aller Krankheiten im Körper sowie in menschlichen Verhaltensweisen liegen und von äußeren göttlichen Faktoren wie Kälte, Wind und Sonne beeinflußt werden. Epidemische Krankheiten werden von Verschmutzungen (miasmata) zugewiesen, die von den Menschen der betroffenen Region durch die Luft eingeatmet werden. Aber auch hier haben wir wieder eine Verbindung zu Göttern, denn es wird davon ausgegangen, daß miasmata durch Aktionen der Sonne verursacht werden können, die wiederum für den Sonnengott Apollo steht. Die griechischen Mythen berichten, daß dieser Thebes eine Plage geschickt hat, da es durch die “Heldentaten” des Ödipuss “verschmutzt” worden sei.

Diese Betrachtungsweise ähnelt der indischen, die in ihrer Religion das Karma kennt: die Verantwortung für vergangene Taten, Verhaltens-weisen über mehrere Generationen gehend. In der jüdisch-christlichen Tradition lastet die Erbsünde auf den Nachkommen Adams und Evas.

Viele der alten griechischen Schriften sollen in Kos, dem Geburtsplatz von Hippokrates, geschrieben worden sein. Obwohl der Krankheitsbegriff durch Hippokrates und die von ihm aufgebaute medizinische Schule individualisiert wurde, wurden Krankheiten als solche anerkannt und benannt. Man kannte z.B. die Schwindsucht, Lungenentzündung, Rippenfellentzündung, “heilige Krankheiten”, wie z.B. Epilepsie. Die hippokratischen Mediziner brachten die Symptome der Patienten oft in Verbindung mit den uns heute noch bekannten und angewendeten Konstitutionstypen der Menschen: Sanguiniker, Phlegmatiker, Choleriker und Melancholiker. In den Augen der Griechen konnte die Gesundheit erhalten werden, indem Maß gehalten wurde beim Essen, Trinken und in anderen Dingen des Lebens. Gesundheit, Schönheit und Glücklichsein waren die wichtigsten Lebensziele der Griechen und diese konnten errungen und erhalten werden, wenn eine Person in der Lage war, das eigene Leben im Rahmen der ihm möglichen Kräfte für ihn nutzbringend und gesunderhaltend zu gestalten.

Im Ideal der Klassik war Gesundheit ein Ausdruck von Symmetrie und Schönheit, welche spirituelle Schönheit und damit auch spirituelle Gesundheit ausdrückte. Der griechische Spruch: “In einem gesunden Körper steckt ein gesunder Geist” wurde zu meiner Zeit noch an Schulen gelehrt.

In der späteren griechischen Perioden (Stoiker) brachte die Tugendhaftigkeit Glück. Eine Person wurde dann als gesund bezeichnet, wenn sie die Angelegenheiten ihres Lebens aus eigenen Kräften regeln konnte.

Leiden im allgemeinen und besonders das Leiden während Krankheiten wurde, wie wir gesehen haben, in vielen Kulturen als Folge eines Verstoßes gegen Regeln der Kultur bzw. der jeweiligen Götter angesehen. Im Christentum - eine monotheistische Religion, die von einem Schöpfer als dem Ursprung jeglichen Lebens ausgeht - wurden Krankheiten als die Bestrafung von Verstößen gegen die von Gott gegebenen Regeln (hier die 10 Gebote) gesehen. Außerdem versteht die christliche Religion Krankheiten und das damit verbundene Leiden als Möglichkeit, die ewige Erlösung zu erlangen, vorgelebt von Jesus Christus selber. Christus speiste öffentlich mit als Sündern bekannten Personen und begründete dies mit seiner Aussage: “Sie brauchen keinen Arzt, obwohl sie krank sind.” (Matthäus 9:2-7) Das bedeutet, daß Krankheiten nicht nur durch Sünden hervorgerufen werden, sondern, daß die Sünde selber eine Krankheit ist, die der Heilung bedarf.

Vom asketische Aspekt des Christentums her werden Krankheiten mit Stolz behandelt, da sie die als niedriger bezeichneten Sinne (Sinneslust) kasteien, demütigen. Leiden wird hiermit zu einer Tugend, welches die Fleischeslust abhärtet. So erklärt es sich auch, daß z.B. die Arbeit mit Lepra-Kranken, bei der man sich leicht infizieren konnte, als göttliche Arbeit angesehen wurde, durch die man nicht nur Achtung und Respekt der Mitmenschen erwarb, sondern auch das Versprechen des Heiligenscheines. In vielen späteren Schriften des Mittelalters, der Neuzeit sowie in heutigen psychologischen Abhandlungen (Scientific American, Feb. 1995) wurde und wird immer wieder die Frage aufgeworfen, warum alle hervorragenden Philosophen, Politiker und Poeten sowie Künstler ein melancholisches Temperament hatten bzw. haben und an schweren chronischen Krankheiten litten/leiden. Dies scheint ein typisches Problem der christlichen Kultur des Abendlandes zu sein. Die großen Philosophen des Ostens, wie z.B. Buddha, Lao-Tse und Konfuzius, führten ein normales Leben und waren nicht auffällig von schwereren Erkrankungen geplagt als ihre anderen Zeitgenossen.

Mit der zunehmenden Bedeutung des Leidens in einer Kultur geht die Entwicklung zur Individualität Hand-in-Hand: läßt sich durch Leiden etwas erreichen - im Christentum auf der himmlischen Dimension - bedeutet das gleichzeitig, daß die Position des Individuum in dieser Kultur gestärkt wird. Das Christentum, dessen Wurzeln im Judentum liegen, geht davon aus, daß wir alle Ebenbilder des Schöpfer-Gottes seien. Dieser Ansatz betont die Wichtigkeit der eigenen Individualität. Nicht die Anpassung an den Zyklus der Zeiten war nun die vorherrschende Lebenseinstellung, wie z.B. beim Schintoismus oder verschiedenen schamanischen Gruppen, sondern die individuelle Leistung, die individuelle Gesundheit, der individuelle Erfolg wurden so im Laufe der Geschichte und insbesondere der industriellen Revolution zum absoluten Ziel der christlichen Kulturen, einhergehend mit der Nächstenliebe, d.h. denjenigen zu helfen, die weniger erfolgreich bzw. gesund etc. waren. Das Verständnis des Eigenwertes hatte sich gewandelt: von einem Mitglied der Gemeinschaft, eingebettet in den Zyklus der Gezeiten und Entwicklung, zum unabhängigen Individualisten, der sich und seinem Schöpfer durch Leistung, Gesundheit etc. seinen Wert beweist.

Krankheitskonzepte der verschiedenen Gesellschaften unseres Kulturkreises waren oft auch geprägt von den dort vorherrschenden Krankheiten. Wie wir gesehen haben, gab es bei den alten Ägyptern schon den Ansatz einer Diagnose. Damit war der Grundstein für eine Diagnose-Medizin gelegt, die sich dann im Laufe der Jahrhunderte zunehmend mehr und mehr herauskristallisierte. Im Mittelalter und der Renaissance gab es viele Infektionskrankheiten, die als Epidemien unzählige Menschenleben kosteten. Arabische und romanische Autoren dieser Zeit erweiterten das alte Konzept von Infektionen und ansteckenden Krankheiten, aber insgesamt war das Konzept unklar, Infektionen konnten durch viele Umstände entstehen: sie konnten z.B. im Körper mit der Krankheit entstehen oder auch neben vielen anderen Möglichkeiten, durch den Einfluß der Sterne (daher kommt auch der Name Influenza für die Virusgrippe). Die großen Epidemien reichten von 527 - 565 (Kaiser Justinian), zur Pest und Cholera Epidemien (Mitte des 18. Jahrhunderts) und London (1665) sowie Marseilles (1720), als die letzte der großen Epidemien in West-Europa. Die schwerste aller Epidemien war die Lepra-Erkrankung im Mittelalter. Von ca. 1495 nahm die Syphilis epidemischen Charakter an. Mit der Entwicklung des medizinischen Gedankengutes wurden epidemische Krankheiten zunehmend klarer definiert: sie behielten ihren ansteckenden und spezifischen Charakter von Person zu Person. Diese ontologische Betrachtungsweise von Krankheit, d.h. sie als real zu sehen, Ihnen ein eigenständiges Dasein zuzuordnen, war nicht neu. Im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert wurde die ontologische Sichtweise von Krankheiten verstärkt, basierend auf den Ideen von Paracelsus (1493 - 1541). Krankheiten wurden von dieser Schule als Parasiten betrachtet, von äußeren, von Menschen unabhängigen Faktoren hervorgerufen. Der Engländer William Harvey (1578 - 1657) z.B. ging davon aus, daß Tumoren ein Eigenleben führen und das Krankheiten, die z.B. durch Vergiftungen oder Ansteckung entstehen, ihre eigene Vitalität - in heutiger Sprache: ihre eigene Energie - haben.

Thomas Sydenham (1624 - 89) war einer der Begründer der Nosologie, d.h. der Krankheitslehre, der Wissenschaft Krankheiten zu klassifizieren. In Sydenham’s Augen wurden Epidemien verursacht durch okkulte und unerklärliche Veränderung im Inneren der Erde, aufgrund deren Ausdünstung veränderte sich die Luft und der Mensch wurde dadurch anfällig für Epidemien. Auch spielen unerklärbare und angstmachende übersinnliche “occulte” Faktoren eine entscheidende Rolle.

Linné (1701 - 78), Boissier de Sauvages (1706 - 67), Cullen (1710 - 90), Pinel (1745 - 1826) und Schönlein (1793 - 1864) schufen nosologische Systeme, in denen Krankheiten auf der Basis von klinischen Symptomen in neue Klassifikation, Familien, Gattungen und Spezies eingeordnet wurde. Die Struktur ist immer noch die Grundlage unserer heutigen Krankheitslehre. Das wissenschaftliche Verständnis der Medizin und die darauf aufbauenden Anweisungen für Ärzte basieren auf folgenden Prämissen: die Diagnose wird aufgrund der in der wissenschaftlichen Klassifizierung aufgestellten Symptome gestellt und er kann dementsprechend die ebenfalls gelistete Medizin verschreiben. Eine weitere Beschäftigung mit einer Krankheit und dem Patienten (als Person) wird durch dieses System überflüssig, da er über die Klassifizierung der Symptome die richtige Diagnose sowie Behandlungsmethode findet. Das Diagnose-System hat also nun seinen festen, unumstößlichen Platz im westlichen Gesundheitswesen eingenommen.

Die Theorien des Philosophen Descartes hatten im Zeitalter der Aufklärung wesentlichen Einfluß, vor allem auch auf die Medizin. Der menschliche Verstand wurde an aller erster Stelle gestellt und war allen anderen Lebensformen damit weit überlegen. Für Descartes und seine Schüler und Nachfolger waren Körper von Tieren und Menschen seelenlose Maschinen, während der Mensch jedoch über den bewußten rationalen Denkprozeß den Körper mit der Seele verbinden konnte. Der Körper ist eine perfekte Maschine und wird durch die Krankheit zur gestörten, im-perfekten Maschine. Eine Maschine kann keine Mechanismen zur Selbstregulation haben , muß aber in der Regel durch äußeren Einfluß repariert werden. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, waren Krankheiten keine Heilungs-, sondern Störungsprozesse und folgerichtig wurde im Prozeß der Diagnose-Medizin die Störungen klassifiziert, untersucht etc. Alle Naturprozesse wurden als blind bezeichnet und konnten zerstörerisch wirken. Die althergebrachte Sichtweise der Natur als ein “wohlwollendes Wesen” wurde als heidnisch betrachtet. Das wahre Wesen lag in der rationalen Erkenntnis des menschlichen Verstandes, deren Aufgabe es ist, Störungsprozesse zu erkennen und zu eliminieren. Auf diesem grundsätzlichen Verständnis von Leben basiert auch unser heutiger Umgang mit Krankheit.

Diese cartesainische Philosophie, die philosophische Grundlage der Aufklärung, sah Krankheit einzig und allein als eine Sache des Körpers, während Kriminalität, Sünden und Erbkrankheiten als Krankheiten der Seele verstanden wurden.

Während des Mittelalters hatte sich die medizinische Disziplin geteilt: die Allgemeinmediziner und die Operateure waren nun unterschiedlich organisiert. Die Operateure waren in einer Zunft mit den Friseuren zusammengeschlossen. Sie waren für die äußeren Behandlungen des Körpers zuständig: Wunden, Geschwüre, Abszesse, Ausrenkungen von Gelenken, Hautkrankheiten, Tumore, Leistenbrüche und Katarakte; während die Allgemeinmediziner für die inneren Erkrankungen zuständig waren. Chirurgen haben auch heute noch einen geringeren Stand in der Ärztehierarchie, allerdings werden sie von der Gesellschaft, dem Patienten, sehr wohl hoch angesehen.

Mit der Anwendung des Stethoskopes (1819) wurden die Mediziner zunehmend unabhängiger von den persönlichen Symptombeschreibungen ihrer Patienten. Diese neue Objektivität konnte in den neu entstehenden Krankenhäusern der Industriegesellschaften angewandt werden. Die dort eingelieferten Patienten - in der Regel die Ärmsten der Armen aus den überquellenden neuen Industriestädten - waren hervorragende Studienobjekte für die neue “Objektivität” des medizinischen Betriebes. Die Entwicklung der modernen Staaten förderte auch die Entwicklung von Statistiken und damit ein Vergleich der Krankheitssymptome im größeren Rahmen. Die Krankheitslehre wurde ausgeweitet und verfeinert und damit auch der mechanistische Ansatz. Mit der Entwicklung der Impfungen wurden viele der großen Infektionskrankheiten “unter Kontrolle” gebracht, ein nächster Schritt in dieser Entwicklung war die Entdeckung der Anti-Biotika (Ende des 2. Weltkrieges). Damit konnten die bakteriellen Infekte “kontrolliert” werden. Der neueste Schritt auf dem Wege der totalen Kontrolle sind die gen-technologischen Fortschritte, “Reparatur-Möglichkeiten”, wenn die Maschine - unser Körper - defekt ist sowie die Zunahme der schönheits-chirurgischen Eingriffe von Nasen- und Lippenveränderungen zur Verschönerung der Sexualorgane: Brustkorrekturen sowie Verlängerung von Penissen und Operationen zur Veränderung der Schamlippen. Über die Folgen von Silikon-Implantaten und den damit zusammenhängenden Langzeiterkrankungen und Behinderungen gibt es zunehmend mehr Horror-Berichte in den Medien, während wir noch nichts über die Folgen von gentechnologischen Veränderungen des Menschen wissen. Über die Spätfolgen von Hormonbehandlungen, für viele Jahre als das neueste Wunder in der medizinischen “Heilkunst” beschrieben, lernen wir heute mehr und mehr. (s. auch Sherill Sellmans Artikel: Bittere Pille? auf Seite 18 dieser Ausgabe)

Unser heutiges Verständnis von Krankheit ist also geprägt von dem individuellen Ansatz des Christentums sowie der zunehmenden Verobjektivierung von Symptomen, nach denen der Mensch behandelt und auf die er reduziert wird.

Große Widersprüche in einer Gesellschaft spiegeln immer unterschiedliche Einstellungen und Positionen wider, aber auch, wie das “Volk” die von der Gesellschaft verursachten Regeln und Probleme aufarbeitet. Wir haben in den obigen Ausführungen gesehen, daß Gesundheit und Krankheit als kulturelle Erfindungen betrachtet werden, mit der die in der jeweiligen Kultur lebenden Menschen sich mehr oder weniger identifizieren.

Beispielsweise bestehen zwischen dem Zeitalter der Aufklärung, der industriellen Revolution und der damit verbundenen Entwicklung zum Rationalismus und Funktionalismus tiefe Zusammenhänge zum damaligen Romantizismus. Die Tuberkulose war die Krankheit der industriellen Revolution, so wie die Syphilis zur späten Renaissance gehört und die Melancholie oder Liebeskrankheit zum Barock. Ein hoher Anteil der armen arbeitenden Bevölkerung hatte Tuberkulose, so aber auch viele Künstler und Wissenschaftler, wie Novalis, Chopin, Schiller, Bayle und Laennec, zwei Tuberkulose-Forscher. Die Krankheit und das damit verbundene Leiden der Schwindsucht wurde ausführlich in Gedichten beschrieben und Liedern (Küchenliedern) besungen.

Auch die Widersprüche der heutigen Zeit hat ihren Romantizismus. Basierend auf der Geschichte der westlichen Kultur, in der Gesundheit (besonders in den angelsächsischen Ländern) eine moralische Pflicht war, die zur Verherrlichung Gottes diente, existieren in der westlichen Welt zwei vorherrschende Lebensziele; Gesundheit - eng verbunden mit äußerer Schönheit - und Reichtum, eng verbunden mit Sicherheit (Lebenssicherheit). Materialisten und Idealisten sind sich hinsichtlich dieser Ziele einig; die einen (Materialisten) benötigen Geld, um sich Gesundheit (Schönheit) und die erfolgversprechendsten Behandlungen leisten zu können. Die anderen (Idealisten) projizieren ihre Wünsche und Hoffnungen auf eine andere Dimension, die ihnen eine bessere Zeit, ewige Gesundheit und ewiges Leben versprechen. Die überwiegende Anzahl der Vertreter der New Age Bewegung und insbesondere die sogenannten Lichtarbeiter lassen sich dieser Kategorie zuordnen. Licht und Dunkel sind eine Einheit, werden sie getrennt und das gesamte Lebensstreben zur Erlangung des Lichtes ausgerichtet, wird der Boden unter den Füßen verloren, d.h. der Kontakt zur Erde geht verloren. Eine schnelle “Erleuchtung”, nach der unzählige unzufriedene Menschen streben und sich deshalb der New Age Bewegung oder Esoterik zuwenden, führt oft zu zusätzlichen großen emotionalen sowie geistigen Probleme, d.h. daß sich die Konflikte verschärfen anstatt sich zu verbessern. Konflikte und Krankheiten müssen im Hier und Jetzt ganzheitlich angepackt werden, d.h. es muß die verursachende Energie der Krankheit verstanden und angenommen werden, damit die eigenen Heilungsprozesse in Gang gesetzt werden können. Erst dann nimmt der Körper eine Unterstützung mit anderen Methoden prozeßfördernd an. Jeder Wunsch , die Auseinandersetzung mit den eigenen inneren Prozessen zu vermeiden oder durch illusorische Harmonievorstellungen zu ersetzen, die sich entweder auf das jetzige Leben oder andere Dimensionen beziehen, nähren im Grunde lebensverneinende Energien, da in solchen Prozessen die verursachenden Energien einfach nicht ernstgenommen, sondern wegvisualisiert werden.

Wir haben gesehen, daß sich der Grundwiderspruch, der in der Trennung von Krankheit und Gesundheit liegt, durch (fast) alle Kulturen zieht und als gegeben hingenommen wird. Diese Polarität ist jedoch das Produkt einer kulturhistorischen Entwicklung, in der Gesundheit und Tugend zusammengehören und umgekehrt Krankheit und Untugend. Wer krank ist, ist nicht normal und es muß alles getan werden, den Zustand der Normalität - der ja auch kulturell definiert ist - wieder zurück zugewinnen. Wer krank ist arbeitet nicht und wird dadurch abhängig und schadet:
a) den anderen und insbesondere der Volkswirtschaft;
b) sich selbst, da Krankheit und Sünde immer noch in einem engen Zusammenhang gesehen werden. Alle neutestamentarischen Wundertaten Christi, bei denen Heilung erfahren wurde, beinhalten auch immer eine Vergebung der Sünden. Durch die “Kriminalisierung der Krankheit” auch in den modernen Industriegesellschaften ist der Druck auf den einzelnen sehr groß und in der Regel erfolgreich (siehe Berichte dieser Ausgabe “Am Wickel der Schulmedizin”), weil hier mit der Angst gearbeitet wird: der Angst, nicht normal zu sein, der Angst vor Abhängigkeit, der Angst vor dem Tode. Das Geschäft mit der Angst ist immer noch das lukrativste. (siehe Artikel Bärbel Ristow, Arzt zu sein ...., S. 27)

Haben die Normen des Gesundheitsverhaltens den Hilfesuchenden zum Arzt gelangen lassen, so trifft er auf ein bloß naturwissenschaftlich-medizinisches Faktenwissen des Arztes, das ihn auf eine strenge pathophysiologisch gebundene Kausalität zu bringen versucht und in der Rolle des Patienten auf das Funktionieren bestimmter Organsysteme einschränkt: Das Arzt-Patient-Verhältnis verliert seine personale Interaktion an ein Verhältnis von Sachen.

Die steigende Zahl von “therapeutisch undankbaren Patienten” weist auf den Kreislauf des medizinischen Bemühens, das sein Ziel um so mehr verfehlt, je weniger es den Ursprung einer Krankheit reflektiert, sondern sich und den Patienten auf ein Symptom festlegt und ihn behandelt, als sei das Symptom die Krankheit. Je komplizierter in diesem Prozeß die Methoden der Diagnose und Therapie werden, desto häufiger müssen die Hilfesuchenden ins Krankenhaus verlegt werden - ein Vorgang, der ebenfalls streng in dem genannten Zirkel bleibt. Die in unserer Hochleistungsgesellschaft strikten Spezialisierungen verschlimmern das Problem der Medizin noch dadurch, daß die Krankenhäuser als arbeitsteilige Großbetriebe organisiert werden.

Shapiro beschreibt (1959) die Geschichte der westlichen Medizin als die Geschichte des Placebos, während Jores (1962) und von Kress (1964) in ihren Arbeiten über den Arzt als Verursacher von Krankheiten davon ausgehen, daß die naiv naturwissenschaftlich betriebene Medizin als System ein Kunstfehler sei, welches durch die zunehmende Anzahl funktioneller Erkrankungen bewiesen wird und das Grassieren der nicht-medizinischen Heilangebote auf die Nichtbefriedigung der Bedürfnisse der Patienten zurückzuführen sind.

Der heutige Kranke befindet sich in einem großen Konfliktfeld, welches durch die folgenden Polaritäten gekennzeichnet ist:
a) große kulturelle Widersprüche von Gesundheit und Tugend, Krankheit und Untugend = Sünde;
b) gesellschaftlichen Konflikten der zunehmenden Individualisierung einhergehend mit zunehmender Verobjektivierung und damit Ent-Individualisierung von Symptomen und deren Vermarktung;
c) der Krankheitsbedarf unserer Kultur, von der die Großindustrie der Pharmazeuten, der gesamte Gesundheitsbetrieb, der große Markt der Therapeuten aller Art sowie verschiedenste ideologische Gruppen leben;
d) dem Schönheits- und Jugendwahn unserer Kultur, dem die allgemeine Angst vor dem Anderssein, dem Altsein und dem Tabu des Todes zugrunde liegen;
e) der gesamtgesellschaftlichen Sucht nach Unvergänglichkeit;
f) der Helfermotivation einer ganzen Schar von religiösen oder alternativen Gruppen, die mit Missionseifer die Rettung versprechen und für sich selber damit das Heil erkaufen wollen.

Darüber hinaus ist der Kranke in eine Diagnose-Medizin eingebettet, deren Aufgabe es ist, nur nach Störungen zu suchen, diese zu klassifizieren und zu eliminieren. Ein tiefes Verständnis von inneren und äußeren Zusammenhängen des Lebens, der Einbettung des Individuum in das Ganze, wie z.B. die Gezeiten, Elemente, Kosmos, gesellschaftlichen Bedingungen etc. ist verloren gegangen und besteht nur rudimentär in Ansätzen bei sogenannten Splitter- bzw. Randgruppen, die weitgehendst als Scharlatane abgetan werden.

Nicht umsonst verspricht die Gesundheit in unserer Gesellschaft Freiheit bzw. Freisein, während der Kranke in dem oben beschriebenen Netz gefangen ist und mit geschwächter Lebensenergie alleingelassen, einen Ausweg suchen muß.

Hilf- und orientierungslos sowie alleingelassen wenden sich die kranken Menschen an die Alternativ-Medizin, die aus dem Dilemma einen Ausweg verspricht. Dabei wird dann aufgrund der schwierigen Lebensposition, in der sich der “Kranke” befindet, übersehen, daß auch die Alternativ-Mediziner in denselben Fallstricken gefangen sind. Auch sie sind, genau wie Kranke und Ärzte, ein Produkt der gleichen Gesellschaft und unterliegen demzufolge den gleichen Gesetzten der “blinden Flecken” in ihrer Wahrnehmung. Natürlich entsprechen Naturheilverfahren dem Körper des Menschen mehr als bio-chemische Medikamente. Das Bewußtsein der behandelnden Alternativen ist in der Regel jedoch genauso linear orientiert wie das der Schulmediziner: Gesundheit, Schönheit, Geld = Erfolg sind die Motivation und die Ziele. Nicht der Klient steht im Zentrum des Geschehens, sondern daß sich die Methode beweist, daß sie die Richtige ist und/oder, daß sie wissenschaftlich ist.

Die Lösung des Problems ist nicht einfach und sehr aufwendig: wir müssen uns selbst aus den Fallstricken unserer Kultur befreien, in dem wir unseren Körper mit all seinen Stärken und Schwächen kennenlernen und ihn dadurch in seinem eigenen Heilprozeß unterstützen können. Wir müssen davon loslassen, unseren Körper als eine funktionierende Maschine zu betrachten, die immer für uns da ist. Es ist natürlich leichter, diesen Bewußtseinsprozeß zu durchlaufen , wenn wir “gesund” sind als dann, wenn wir “krank”, geschwächt und in den Fallstricken unserer Kultur verfangen sind.

Wir finden auf alle unsere Fragen eine Antwort, wenn wir richtig suchen, d.h. nicht eine bestimmte Antwort erwarten. Das bezieht sich auch auf Krankheiten: unser Körper hat seine eigene Apotheke, die mit uns in unserem Sinne arbeitet, wenn wir verstehen, mit ihr umzugehen. Das heißt, es geht darum, daß eigene innere Wissen kennenzulernen. Wir sind über die Jahrhunderte so daran gewöhnt, Wissen von außen anzunehmen, daß es uns schwer fällt, daran zu glauben, daß jeder sein eigenes inneres Wissen hat, welches ihm bei der Gestaltung seines Lebens und damit auch bei der Auflösung von Krankheiten hilft. In alten Kulturen wurden die Medizinmänner befragt oder die Götter, dann die Priester und später die Ärzte. Heute nehmen viele Kranke keine chemischen Medikamente mehr, greifen dafür aber bei jeder Gelegenheit z.B. zu homöopathischen oder anderen Naturmitteln. Der Denkprozeß ist der gleiche: die Hilfe kommt von außen und wir nehmen damit dem Körper die Entwicklung des eigenen Bewußtseins. Krankheiten sind oft notwendige Entwicklungsschritte, die sich “von selbst” auflösen in dem Augenblick, in dem der Schritt stattgefunden hat. Hier hat dann eine Integration zwischen Erkennen und Körperbewußtsein stattgefunden, die wir dem Körper dann verneinen, wenn wir sofort mit äußeren Hilfsmitteln eingreifen. Es geht darum zu verlernen, den Körper als Objekt zu begreifen und ihn in seiner Fähigkeit als unsere eigene lebendige Apotheke mit all seinem inneren Wissen anzunehmen.

Christa Muths
B.Sc., M.A., M.Sc.,
Leiterin von espacio ,
Intern. Centre for Holistic Studies
Herausgeberin von Treff-Räume espacio time
 

Literaturverzeichnis :

Mitscherlich Alexander, Freiheit und Unfreiheit in der Krankheit, Hamburg 1948 + Die psychosomatische + konventionelle Medizin, 1948;

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Jores, Der iatrone Kranke, in Med. Welt 1962;

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Aschoff, Diepgen, Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin;

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Berbuer, Zwischen Ethik und Profit, Arzt und Patient als Opfer, 1992;

Gordon, The Alarming History of Medicine, 1993;

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Lenzen, Die priesterliche Funktion des medizinischen Gewerbes, in Dr.med.Mabuse 1997;

Franz Konz: Krankmachen statt heilen, Ärzte, Medikamente und Impfungen im Dienste der Schulmedizin, in Ich & eurotopia1997

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