Zauberei/Hexenkunst: Ein traditionelles Verständnis von Gesundheit und Krankheit aus Nordwest Australien

Während Forschungsarbeiten an den Felsgemälden in der Kimberly Region im Nordwesten Australiens wurden Verbindungen zwischen der alten Kunst und dem traditionellen Jäger-Sammler Glauben und seiner Ausführung erkennbar. Dieser Artikel beschäftigt sich mit der Betrachtung von Schamanismus, dem Aboriginal Verständnis von Krankheit und Heilritualen im Kontext von Traumzeit/Dreamtime. Für viele Tausende von Jahren herrschte eine holistische Vorstellung in Australien, in der Krankheit als eine psychosomatische Manifestation von sozialer Kontrolle verstanden wurde, welche durch die Gruppe geheilt werden konnte, und so das gesunde Überleben der Gruppe sicherte.

Das Verstehen der sozialen Strukturierung einer Gruppe ist der Schlüssel zur Erklärung der dahinterstehenden Grundmuster, die hinter bestehenden Konzepten liegen. Wenn man also Krankheit als einen realen Ausdruck von sozialer Dysfunktion sieht, dann wird die Prognose danach gestaltet werden, den wichtigen Bedürfnissen der sozialen Kontrollmechanismen, die sie bestimmen, gerecht zu werden.

Das traditionelle Aboriginal Verständnis von Krankheit war das einer realen Bestrafung, welche ursprünglich aus dem Eingreifen der “höheren Kräfte” aus der Traumzeit stammte. Die Traumzeit bot einen allumfassenden Führer für das Leben an, ein Gesetz des Lebens, einen Verhaltenskodex, der auf den Beziehungen zwischen jeder Person und seinen Geist-Vorfahren basiert und den man befolgen sollte. Diese Geist-Ahnen zogen durch das Land und sangen Lieder der Erschaffung, dabei tauschten sie sich mit der Landschaft und anderen Lebewesen aus. Die Erschaffung der jetzigen materiellen Existenz ist das Ergebnis, dabei statteten sie einige Kreationen mit anthropomorphischen Merkmalen, Persönlichkeiten und besonderen Kräften aus. Das Träumen kann als eine Verbindung zu Zeit und Raum, die jedem einzelnen Erwachsenen angeboten wird, verstanden werden. Es ist die Gesamtheit der Geschichte, ein Kollektiv und soziales Schema der Lebensweisen. Der initiierte Erwachsene hatte Zugang zu diesem System und konnte daran teilnehmen, indem er die Bewußtseinskarten, die er in rituellen Zeremonien der Traumzeit gelernt hatte, benutzte.

Das kognitive Bewußtsein des Individuums wurde von einem selbstregulierenden Mechanismus gesteuert, der immer dann eine Krankheit einleitete, wenn gegen irgendwelche bindenden sozialen Gesetze verstoßen wurde. Die Ursache der Krankheit war somit ein Ausdruck sozialen Verhaltens. Als eine Form sozialer Kontrolle verbot Krankheit somit Missetaten, weil sie eine starke Strafe androhte, der man nicht entkommen konnte (weil sie aus der eigenen Psyche stammte) und weil dies sozial unerwünscht war. Philis Kaberry berichtete von Aboriginal Frauen, die erkrankten, wenn sie ein Objekt erblickten, das den Männern heilig war. (Kaberry, 1939 p.250). Die Tatsache, daß bestimmte Nahrungsmittel, Objekte oder Verhaltensweisen tabu waren, bedeutete daß der Alltag eines Einzelnen durch Glaubenskonzepte dermaßen bestimmt war, daß soziale Verpflichtungen erfüllt wurden.

Das Verhalten eines Individuums war auf der tiefen Ebene so sehr kontrolliert, daß eine Bestrafung normalerweise in Form eines körperlichen Leidens auftrat. Dieses konnte geschehen, wenn die Verletzung der Regel sowohl auf spiritueller als auch sozialer Ebene stattfand. Eine einzige Erklärung für diesen Prozeß wäre unzulänglich, aber dank der Arbeiten von Seligmann und seinen Kollegen in den 70er Jahren, kann man ein grundlegendes Verständnis für diese psycho-sozialen Mechanismen entwickeln. Diese Forschungsarbeiten demonstrieren die Fähigkeit schwere und potentiell fatale Depressionen unter den experimentellen Konditionen von extremem emotionalem Stress einzuleiten. Wenn man die Ergebnisse dieser Studien mit denen der sich selbst bewahrheitenden Voraussagen des Aboriginal Krankheitskonzepts vergleicht, könnte man behaupten, daß die Gefahr einer Krankheit als Resultat abweichenden Verhaltens ein solches Verhaltens verhindern kann. Dies würde ebenso implizieren, daß jede Person, die gegen ihre sozialen Gesetze handelt, durch ihr eigenes biologisches System in Form einer “erlernten Hilflosigkeit” bestraft würde.

Die Gesetze der Traumzeit boten Verhaltensrichtlinien an, so daß die Menschen sich ihrer Verantwortung und Grenzen bewußt waren. Es gab z.B. Regeln in der Wunan (ritualisierter Gaben/Geschenkaustausch) hinsichtlich des unbefugten Betretens der Gebiete anderer Gruppen, des Rückzahlens von Schulden und des Respektieren des Landes (Reid, 1982). Dieser Prozeß schuf somit ein System einer sozial verpflichtenden Höflichkeit, die offene Konflikte reduzierte. Wenn Probleme auftauchten, war normalerweise die ganze Gruppe betroffen. Deshalb gab es noch weitere Strategien, die bestimmte Vorgänge verboten, um größere Spaltungen innerhalb der Gruppe zu vermindern, aber auch um zu verhindern, daß irgendeine Person sich Zauberpraktiken bediente. Dies wurde von Gruppenmitgliedern, älteren Männern und Frauen, die mehr soziale Macht hatten, getan. Zauberrituale, ähnlich dem “Knochen zeigen” (Elkin, 1938; 1944), konnten das Mißverhalten bestimmter Personen, deren Handlungen die Gruppe bestrafen wollte, identifizieren. Die beschmutzte Person würde sich nach solch einer öffentlichen Disziplinierung entweder dem Druck einer psychologischen Bestrafung unterwerfen und sterben oder die Hilfe einer besonders eingeweihten Person, die sich in den Künsten des Heilens und der Medizin auskennt, suchen. Falls also Selbstkontrolle bei unakzeptablem Verhalten nicht funktionierte, wurde die Anklage der Zauberei gegen das Individuum gerichtet, um die formelle soziale Kontrolle zu verstärken.

Das psychosoziale Krankheitsmodell funktioniert innerhalb eines sehr engen Netzwerks der zwischenmenschlichen Beziehungen, wo Menschen von einander abhängig sind, um ihre Verpflichtungen zu erfüllen. Der Jäger/Sammler-Lebensstil war ständig der Gefahr des extremen Klimas ausgesetzt, welches die Recourcen der Wirtschaft direkt beeinflußte. Ein großer Teil des Überlebens hing davon ab, daß das Gruppenverhalten so geregelt war, daß sich der Einzelne an umwelterhaltenden Strategien beteiligte. Die Sozialisierung junger Menschen erzog somit jede Person mit den Normen und Werten der Gruppe zu solchem Maße, daß der Einzelne schließlich Krankheit als psychosomatische Manifestation der sozialen Kontrollmechanismen empfand. Unter diesem Aspekt kann man die Medizin oder die Heilpraktiken, welche von den Älteren eingesetzt wurden, als einen Vorgang der Re-Integration des Einzelnen betrachten, um mit den Gruppennormen konform zu sein und die Wichtigkeit und Kraft des Gesetzes für den Rest der Gesellschaft zu verstärken.

“Zauberei” passierte immer dann, wenn ein offener Konflikt gefährlich gewesen wäre. Zauberei an sich war eher unerwünscht, da sie meist im geheimen ausgeführt wurde und das Vertuschen der eigenen Taten implizierte eine Täuschung, welche potentiell zerstörerisch war. Deshalb bestanden die Richtlinien der Traumzeit darauf, daß alle Konflikte offen auf den Tisch kamen, um mit ihnen in einer sozial akzeptablen Weise umgehen zu können.

Die Menschen, die einen tieferen Einblick in die psychologischen Beziehungen hatten, waren die Alten, die auch Zaubereigeschehnisse heilen konnten, falls diese aufgetreten waren. Diese Menschen, die eine weitaus höhere Initiation hatten als die meisten anderen Menschen in der Gruppe, waren mit Wissen, Macht und Ansehen ausgestattet. Unter anderem bedeutete dies, daß sie die Fähigkeit hatten, unsichtbare Phänomene wahrzunehmen und ihre Beziehungen mit der Geisterwelt war vielschichtig. Auch sollte die Rolle dieser hoch initiierten Personen in anderen Gebieten des sozialen Verbands hervorgehoben werden, um somit die komplexen Verbindungen zwischen religiösem und weltlichem Leben zu verdeutlichen. Diese weisen Personen wurden aber nur in extremen Fällen herangezogen, da ihre speziellen Fähigkeiten für die Gruppe im wahrsten Sinne des Wortes und im übertragenen Sinne zu “teuer” wurden, denn die Gruppenmitglieder mußten eine sehr wichtige Lernerfahrung machen. Laut Cawe praktizierten die Aboriginal Ärzte sowohl ‘Medizin’ als auch ‘Recht’ gleichzeitig. Der Arzt ist ” ....ein Teil der sozialen Ordnung, der innerhalb des Kontextes von Krankheit agiert” (Cawte, 1974, S.24).

In den westlichen Kulturen werden die sozialen Gründe solcher Phänomene wie z.B. Krankheit und Gesundheit sehr häufig isoliert von den soziologischen Prozessen, deren wesentlicher Bestandteil sie eigentlich sind, betrachtet. Die ‘Rolle von Krankheit’ wird heutzutage als sehr wichtiger sozialer Baustein gesehen, der als Teil des Sozialisationsprozesses manipuliert wird. C.H. Berndt beschreibt z.B. drei Hauptmerkmalen, die in sogenannten ‘Warngeschichten’ der Aboriginal Mythologie vorkommen: Ursache, Symptom und Ergebnis (Berndtin Reid, 1982), um aufzuzeigen wie Verhalten und Krankheit in direkter Ursache und Wrikungsbeziehung miteinander stehen.

Traditionelles Aboriginal Leben integrierte die praktischen Aspekte der sozialen Ordnung und Verhaltens, um der Verfügbarkeit von Recourcen und den wirtschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden. Das Träumen war somit ein soziales Gebilde, das beide Bedürfnisse miteinander in Einklang brachte, d.h. das Gesetz und metaphysiche Prozesse, welche beide die Balance von Gesundheit formen. Ein wichtiger Bestandteil des Träumen war der Glauben an einen Zyklus, der durch die Geschehnisse des Lebens, Gesundheit und Krankheit sowie den Tod ausgedrückt wurde. Dies beinhaltet die Aufrechterhaltung gut ausgeklügelter psychologischer und sozialer Strategien, um der physikalischen Umwelt der Aborigines gerecht zu werden. Obwohl die Verallgemeinerung einiger Konzepte für die Übertragung kultureller Informationen sinnvoll sein kann, ist es wichtig, daß man die medizinischen Theorien und Praktiken als Produkt der Gesellschaften sieht, die sie schafft. Diese Beschreibung hier hat uns ein Beispiel von kulturellem Kontext gegeben, wo westliche Medizinkonzepte unzulänglich sind, um das Aboriginal Verständnis von Gesundheit und Krankheit zu begreifen.

S.A.Fransman
Graham King
B.A. (Archäologie)
Reisender, lebte u. arbeitete 9 Monate in Australien

Literatur :

Cawte, J. (1974), Medicine is the law, University Press of Hawaii

Elkin, A.P. (1938), The Australian Aborigines: how to understand them, Angus and Robertson Ltd., Sydney and London

Elkin, A.P. (1944), Aboriginal men of high degree, Australasian Publishing Co. Pty, Ltd., Sydney

Huxley, A. (1980), Moksha: Writings on Psychodelics and the Visionary Experience 1931-1936, edited by Horowitz and Dalmer, Chatto and Windus, London

Kaberry, P.M. (1939), Aboriginal Woman: sacred and profane, George Routledge and sons Ltd., London

Reid. J. (1982), Land and Spirit: health and healing in Aboriginal society, University of Queensland Press

Seligman, M.E.P. (1980), Human Helplessness: Theory and applications, N.Y. Academic Press

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