Ein vor kurzem erschienener Bericht der Britsch Royal Society bestätigt, daß einige weitverbreitete Industriechemikalien, die in unsere Umwelt freigesetzt werden, verheerende Auswirkungen auf die Hormone bei Lebewesen haben können. [1] Solche Chemikalien seien der “Grund zur großen Besorgnis”, sagt der Bericht. Die Royal Society ist die nationale Wissenschaftsakademie des Vereinigten Königreiches und wurde 1660 gegründet.
Beim Menschen und anderen Tieren verhalten sich Hormone als chemische Botenstoffe, welche viele Lebensprozesse kontrollieren. Das Kontrollsystem der/durch Hormone ist auch bekannt als das “endokrine System”. Ein kürzlich veröffentlichter Report der US Environmental Protection Agency (EPA) [2] der amerikanischen Umweltschutzbehörde beschreibt das endokrine System wie folgt: Man kann ein endokrines System in fast allen Tieren einschließlich Säugetiere, Nicht Säugetieren-Wirbeltiere (wie z.B. Fische, Amphibien, Reptilien und Vögel) und wirbellosen Tieren (wie z.B. Schnecken, Hummer, Insekten und andere Arten) vorfinden. Das endokrine System besteht aus Drüsen, und Hormone die dort hergestellt werden beeinflussen Entwicklung, Wachstum, Reproduktion und Verhaltensweisen bei Mensch und Tieren. Eine Störung/Beeinträchtigung dieses komplexen Systems kann auf verschiedene Weisen stattfinden. Einige Chemikalien können zum Beispiel natürliche Hormone derart kopieren und somit den Körper dahingehend täuschen, daß er auf einen Stimulus überreagiert, oder zu unangemessenen Zeiten reagiert. Wieder andere Chemikalien können die Wirkung von Hormonen in Körperstellen blockieren, welche normalerweise sensible darauf reagieren würden. [2]
Wirkstoffe die Einfluß nehmen auf das endokrine System nennt man “endocrine disrupting chemicals” oder EDCs (endokrin beeinträchtigende Chemikalien). Der Bericht der Royal Society sagt, daß wir die EDCs ernst nehmen sollen, da es unwiderrufbare Beweise gibt, daß einige dieser EDCs eine verheerende Auswirkung auf die Tierwelt haben, und das menschliche Endokrinsystem ist dem System der Tierwelt sehr ähnlich. Der Bericht gibt uns zwei Beispiele wie EDCs der Tierwelt schaden.
1. Tributyl Zinn (TBZ) ist
eine äußerst giftige Form des bekannten Metalls Zinn. TBZ wurde
Mitte der 60er Jahre bei den Nicht Fäulungsfarben der Marine eingeführt,
um die Ansammlung von Schalentieren ( wie z.B. Rankenfüßern/Kletten)
am Boden des Schiffes zu verhindern. Bereits 1970 berichteten Biologen,
welche die englische Küste beobachteten, davon daß weiblichen
Schalentieren (Wellhornschnecken) männliche Sexualorgane wuchsen.
Kurz darauf fanden Biologen, die die Küste Conneticuts beobachteten,
ebenfalls weibliche Schnecken, denen Penise wuchsen. Und bis 1981, konnte
dieser Zustand, - den man als Imposex bezeichnet - auf die Verschmutzung
von Booten und Schiffen zurückgeführt werden.
Laborversuche bestätigten
letztendlich, daß TBZ dazu führen kann, daß weiblichen
Weichtieren männliche Sexualorgane wachsen können.
Über die Imposex Auswirkungen
von Tributyl Zinn wird inzwischen weltweit berichtet, in England, Neuseeland,
Japan und Alaska. Über 100 Arten von Weichtieren sind inzwischen von
den negativen Auswirkungen des Tributyl Zinns beeinflußt und in einigen
Fällen hat Imposex bereits zu einem Rückgang oder gar Aussterben
der Art geführt. Die Royal Society zieht nun wichtige Schlüsse
aus der TBZ Geschichte:
“ Das Beispiel der ‘TBZ Geschichte’
zeigt, daß die Auswirkungen von TBZ völlig unerwartet und
unberechenbar
waren, trotz maßgeblicher Richtlinien bezüglich neuer Chemikalien
sah niemand voraus, das TBZ endokrine Veränderungen bei Weichtieren
erzeugen würde.” Die Society sagt, “...die Auswirkungen wurden erst/lediglich
durch Zufall von Feldbiologen entdeckt. Dies legt die Vermutung nahe, daß
noch andere unerwartete Fälle von endokrinen Störungen in der
Tierwelt sichtbar werden, solange wir unser Verständnis darüber
wie und welche Chemikalien endokrine Störungen hervorrufen nicht drastisch
erweitern. Dieses Beispiel unterstreicht daher die Schwierigkeit Auswirkungen
von Chemikalien auf die weitere Umwelt, wo sie sich mit anderen Chemikalien
vermischen können, sich zersetzen oder in Kontakt mit einer Vielzahl
von Tier- und Pflanzenarten kommen, vorhersagen zu können ,” sagt
die Royal Society.
2. Die Royal Society berichtet anschließend von der Entdeckung das einige Fische in allen englischen Flüssen und Bächen inzwischen intersex sind - sie weisen sowohl männliche als auch weibliche Merkmale auf. Die Geschichte begann mehr als 20 Jahre zuvor mit der Zufallsentdeckung daß 5% der Plötze (eine Fischart) die in zwei Abwasserlagunen lebten “äußerst intersex” waren. Eine landesweite Studie enthüllte daraufhin daß alle Abwasser die Fähigkeit besitzen Fische zu verweiblichen.
Wissenschaftler erfuhren, daß
das Problem durch den Menschen ausgelöst wurde, indem er natürliches
und synthetisches Östrogen, das in der Verhütungspille vorkommt
direkt ins Abwasser entsorgte.
Die Society bemerkt
zwar daß Östrogen in “extrem geringen Konzentrationen (Anteil
per Trillion)” vorhanden war, aber diese extrem niedrigen Werte waren bereits
ausreichend um männliche Fische zu verweiblichen. Die Royal Society
fährt fort: “Studien über in der Wildnis vorkommende Frischwasserfische
zeigten, daß intersex Fische in den meisten Flüssen vorkommen.
In einigen der Flüsse mit niedrigerer Qualität, d.h. wo
große Anteile von Abwässern aus Klärwerken einfließen,
waren alle männlichen Fische zu unterschiedlichem Ausmaßen intersex.
Interessanterweise wurden in die Flüsse, welche am stärksten
betroffene Fische aufwiesen, auch die meisten industriellen Abwässer
geleitet; man kann daher den Beitrag industrieller Chemikalien, zumindest
in einigen Fällen der Intersexualität bei Fischen nicht vollständig
ausschließen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die vielen Chemikalien
in der Umwelt möglicherweise miteinander reagieren und diesen Zustand
bei den Fischen verursachen.” sagt die Royal Society.
Die Royal Society diskutiert
anschließend Vorschriften wie man EDCs kontrollieren könnte:
“Bislang wurden alle Recherchen über EDCs und deren Auswirkungen (oder
angeblichen Auswirkungen) hauptsächlich von Berichten, die entweder
Besorgnis in der Öffentlichkeit verursachten oder Sensationsgeschichten
in der Presse waren, vorangetrieben . So machten z.B. Berichte über
den mögliche Rückgang der Spermienzahl bei Männern die Auswirkungen
auf den Menschen deutlich, während intersex Fische Berichte hilfreich
waren die EDC Problematik in der Tierwelt zu beleuchten.
Dies ist eine extrem langsame
(und kostspielige) Methode an Dinge heranzugehen; nämlich mit der
Forschung nach Ursachen erst dann zu beginnen, wenn bereits Auswirkungen
beobachtet wurden.
Und weil unser Verständnis
über die Umwelt sehr unvollständig ist, wird es leider
immer wieder vorkommen, viele solcher Themen in dieser Weise anzugehen.
Es würde jedoch weitaus sinnvoller sein mit einer Chemikalie zu beginnen
und Prognosen über die möglichen Auswirkungen, welche sie einleiten
würde, zu erstellen. Das ist das Ziel von Giftstoff Testverfahren,”
sagt die Royal Society.
Die Society identifiziert Probleme
indem sie Chemikalie für Chemikalie angeht: “Das Problem was wir haben
ist, daß es über 80,000 künstliche
(geschweige denn natürlichen)
Chemikalien gibt im täglichen Gebrauch. Diese wiederum zerfallen in
der Umwelt zu noch weiteren Chemikalien. Unser Wissen über den Abbauprozeß
(in der Umwelt, aber auch innerhalb des Menschen und der Tierwelt) ist
häufig sehr armselig...”
Anschließend sagt die
Society mit einem Kernsatz, “ Um eine Politik und Gesetzgebung zu entwickeln,
die sowohl Menschen als auch die Umwelt vor EDCs schützen, ist es
zuerst notwendig das Risiko des Schadens für die menschliche Gesundheit
und die Umwelt zu bestimmen.”
Die Royal Society listet anschließend
notwendige Schritte um Risikoeinschätzungen durchzuführen:
(a) Chemikalien sind zu identifizieren,
die endokrin beeinträchtigende Eigenschaften besitzen. Neue Tests/Verfahren
müssen entwickelt werden, weil momentane Tests nicht in der Lage sind
endokrine beeinträchtigende Eigenschaften zuverlässig zu identifizieren.
(b) Mit neu zur Verfügung
stehenden Testverfahren müssen wir dann jede einzelne Chemikalie plus
“ Interaktion zwischen Chemikalien, die keine beeinträchtigende Wirkungen
auf das endokrine System an sich als Einzelstoff haben, aber vielleicht
in einer Kombination.” Das Testen von Chemiekombinationen ist notwendig
sagt die Society weil, “ Menschen in Realität nicht nur einem einzelnen
endokrinen Störfaktor ausgesetzt sind, sondern einem Cocktail
solcher Chemikalien, und die Wahrscheinlichkeit, daß diese Chemikalien
additiven oder verstärkenden Effekt haben sollte ernsthaft in Erwägung
gezogen werden ( z.B. Kombination einer oestrogenen mit einer anti-androgenischen
Verbindung)
(c) Als nächstes muß
die Länge der Zeit, die diese Chemikalien in der Umwelt sind untersucht
werden, sagt die Society.
(d) Außerdem müssen
die aufgespalteten Nebenprodukte dieser Chemikalien analysiert werden,
sagt die Society.
(e) Anschließend muß
den Grad der Aussetzung des Menschen und der Tierwelt gegenüber diesen
Chemikalien bestimmt werden.
(f) Und schließlich müssen
die Level, bei denen diese Chemikalien am wahrscheinlichsten nachteilige
Effekte verursachen, bestimmt werden.
Nun hier steht es. Eine perfekte rationale Lösung des EDC Problems, basierend auf der besten Wissenschaft. Wer könnte gegen solch ein Programm argumentieren? Doch halt. Noch während diese Tests durchgeführt werden, werden die gleichen Chemikalien in die Umwelt abgelassen, weil die derzeitige Philosophie des “Umweltschutzes” sagt, daß Chemikalien nicht kontrolliert/reguliert werden können bevor eine Risikoanalyse vervollständigt wurde. Unter diesen Annahmen wie lange wird es wohl dauern, bis wir uns und die Natur vor EDC schützen können?
Um die notwendige Zeit richtig
einschätzen zu können, sollte man untersuchen wie lange man wohl
braucht, um Chemiekombinationen zu testen, um zu sehen ob sie gemeinsam
endokrine Beeinträchtigung hervorrufen. Es gibt dokumentierte Fallbeispiele
von Chemikalien, welche sich genau so verhalten [REHW #384], so daß
die Royal Society ein wichtiges Ziel identifiziert hat.
Nehmen wir einmal an, wir
wollten nur 10% der kommerziellen Chemikalien testen, oder 8000 Chemikalien
in einer Dreierkombination. Wie viele Kombinationen können Sie sich
aus 8000 Chemikalien errechnen? Die Antwort lautet 85 Milliarden.
Nun nehmen wir einmal an wir könnten eine Millionen verschiedener Kombinationen jedes Jahr testen- gewiß eine absurde Überschätzung menschlicher wissenschaftlicher Kapazitäten. Man bräuchte 85,000 Jahre um die Tests durchzuführen. Mit anderen Worten das Rational Programm der Royal Society, das auf der allerbesten Wissenschaft beruht wird niemals die Tierwelt, Menschen und Umwelt vor Schäden schützen können.
Uns scheint, daß das Programm EDSP (Endocrine Disruptor Screening Program) der EPA aus gleichem Holz geschnitzt ist: neue Testverfahren werden entwickelt um 15,00 Chemikalien zu untersuchen, um EDCs von Nicht EDCs zu unterscheiden, und es wird eine Risikobeurteilung eines jeden einzelnen EDCs verlangt [2]. Obwohl das EPA Programm sehr ehrgeizig zu sein scheint, läßt es viel mehr weg statt es einschließt, wie z.B. EPA sagt es gibt 50 wichtige Hormone im Menschen, aber das EDSP testet lediglich 3 der 50. [2] Die EDSP ignoriert Nebenprodukte und Abbauprodukte der 15,000 Chemikalien. Außerdem ignoriert das EDSP Chemikalienkombinationen. Dieses EPA Programm wird eine Armee von Wissenschaftlern für eine Dekade, vermutlich sogar länger beschäftigen. Es wird Unmengen von Daten sammeln, aber die Schwierigkeit wird darin liegen diese Daten zu interpretieren, zeigt die Royal Society auf. Die Chemieproduzenten werden eine Interpretation haben, und die Gesundheitsspezialisten werden eine andere Interpretation dieser Daten haben. Und letztendlich werden sie ihre Differenzen vor Gericht lösen. Wer wird in diesem Wettstreit den Vorteil haben? Falls EPA es schaffen würde in den nächsten 30 Jahren 2 oder 3 Chemikalien aufgrund dieses Programms zu verbannen, wären wir sehr überrascht.
Es gibt jedoch einen Hoffnungsschimmer
im Bericht der Royal Society. Nachdem widersprüchliche Beweise betrachtet
wurden, die EDCs mit Hodenkrebs, abnormalen Penissen, Brustkrebs und andere
menschliche Krankheiten in Verbindung bringen, sagt die Society: “Trotz
Unsicherheiten ist es durchaus angebracht das Aussetzen der Menschen, speziell
schwangere Frauen an EDCs zu minimalisieren.” Vorsichtsmaßnahmen.
Wie würde diese Maßnahmen
denn ausschauen? Man würde wohl zuerst die Beweispflicht an die Hersteller/Lieferanten
von Chemikalien abgeben. Wie Joe Thornton schon vorschlug (REHW #704) sollte
man den Herstellern von Chemikalien mehrere Jahre geben, um eine vernünftige
Beweise zu erbringen, sie sollen zeigen daß z.B. keine der Chemikalien
eine Gefahr birgt (inklusive Nebenprodukte und Abbauprodukte), daß
jede Chemikalie weder anhaltend noch bio-accumulativ, noch krebserregend,
noch mutierend, beeinträchtigend bezüglich intrazellulärer
Signalisierung (durch Hormone, Neurotransmitter, Wachstumsfaktoren, Zytokine
und so weiter) ist, weder toxisch in niedrigen Dosen für die Entwicklung,
Reproduktion, Immunität oder neurologische Funktionen ist. Tests sollten
an mehreren Generationen von sensiblen Tierarten durchgeführt werden,
es sei denn man erhält gleichwertige und zuverlässige Ergebnisse
durch Tests an Teilen von Tieren. Solche Tests setzt man bei neuen Medikamenten
ein.
Jede Chemikalie, die diesen
Test nicht besteht würde, würde automatisch vom industriellen
Verbrauch innerhalb ungefähr eines Jahrzehnts ausgeleitet. Dementsprechend
freigesetzten Arbeitern würde man Gelder zur Umschulung zur Verfügung
stellen.
Obwohl bestimmt nicht dafür
vorgesehen, zeigt der Bericht der Royal Society sehr eloquent, daß
der derzeitige Ansatz zum Umweltschutz Niemanden oder Nichts schützen
kann, außer die Chemieindustrie selber. Wir müssen einen modernen
vorbeugenden Weg anstreben.