Volker Knapp-Diederichs:
Im Verlauf des Gesprächs stellte sich heraus, dass sie in ständigem Kampf mit sich stand. Dieses Phänomen nennen wir in der Orgontik den „innerseelischen Bürgerkrieg“ (ISB). Im ISB manifestiert sich eine aggressive Haltung gegen sich selbst, gegenüber Bereichen der eigenen Person, körperlich und seelisch. Sie findet sich körperlich in der Neigung, „dem Körper seinen Willen aufzuzwingen“, seiner chronischer Überbeanspruchung, Dauerstress, Ausblendung und Missachtung von Körpersignalen. Seelisch in Selbstverachtung, Scham und Selbstbeschämung, verzerrten Selbstwahrnehmungen, grüblerischen inneren Dialogen, schlussendlich: in Ignoranz gegenüber der Stimme des Herzens.
Der ISB erweist sich so als
Gegenteil von innerem Frieden und liebevollem Umgangs mit sich selbst.
Im ISB wendet sich wechselseitig ein Teil der Persönlichkeit gegen
einen anderen. Hauptrollen, die besetzt werden, spielen der innere Erwachsene
und das innere Kind, die gleichzeitig als Stimme der Gehirns und Stimme
des Herzens beschrieben werden können.
Weg des Herzens
Jede am Tun, am Machen orientierte Methode kann dem Leistungsdenken unterworfen werden, es besonders gut machen zu wollen, es besser machen zu wollen als andere usw. Wir sind es schließlich so gewohnt, etwas gut zu machen, etwas zu leisten, daraus Anerkennung zu ziehen, in uns selbst und durch andere. Doch bringt uns das wirklich zu Frieden in uns selbst, macht es uns „zu Frieden“?
Orgontik ist ein neuer Ansatz,
Wachstumsprozesse auf der Seinsebene zu ermöglichen. Ihre Psychologie
rückt die Selbstbeziehung, also die Art und Weise, wie sich ein Mensch
sich auf sich selbst bezieht, in den Mittelpunkt. Ich habe erwähnt,
dass die Stimme des inneren Kindes und die Stimme des Herzens von ihrer
Funktion her als identisch angesehen werden können und sich häufig
im Konflikt mit der Stimme des Erwachsenen und des Gehirns befinden. Viele
Menschen reproduzieren damit innerpsychisch genau das, was sie als Kind
im Familiensystem erfahren haben: Beschämung, Kontaktlosigkeit, Ablehnung
gegenüber ihrer kindlichen Natur und ihres Herzens.
Vielleicht stutzen Sie, wenn
in diesem Beitrag von der Stimme des Herzens oder vom Herz die Rede ist.
Das ist ja ein Begriff, der gemeinhin in süßlichen Schlagern
thematisiert wird.
Normalerweise betrachten wir
in unserer gehirndominierten Kultur das Herz als wichtigen Muskel, der
gut funktionieren muss, aber das ist meist auch schon alles. Soziale Herzlosigkeit
kennzeichnet unsere Gesellschaft ebenso wie eine Tabuisierung des Herzens
als seelische Instanz. Ich behaupte, das dass Herz heute ein viel größeres
Tabu darstellt als Sexualität, die zudem immer herzloser zu werden
scheint.
In anderen Kulturen und in spirituellen Traditionen wird das Herz als Sitz der Seele, des Kerns der Persönlichkeit betrachtet. Und: neue Forschungen aus den USA, die sich mit psychischen Phänomenen bei Herztransplantatempfängern beschäftigen, haben unter dem Begriff „Kardioenergetik“ eine Neubestimmung der Bedeutung des Herzens vorgenommen. Demnach ist das Herz diejenige fundamentale Instanz, die von der Embryonalphase bis zum Tod grundlegende Informationen an das psychophysische System überträgt. Diese sog. Herzcode-Informationen (HCI) beeinflussen jede einzelne Zelle im Körper, ein Leben lang. Man hat gemessen, dass das elektromagnetische Feld des Herzens etwa 3000 mal stärker ist als das des Gehirns. Vieles deutet darauf hin, dass diese HCI weit über die physischen Grenzen des stofflichen Körpers hinausreichen und dort als Information wirken. Die Einbeziehung dieser Qualitäten des Herzens ist eine der Grundlagen der Orgontik.
Die Orgontik sieht hier einen Zugang zu frühkindlichen, prä- und perinatalen Seinszuständen, in denen sich über grundlegende HCI der Persönlichkeitskern des Menschen herausbildete, die das grundlegende Lebensgefühl bis heute bestimmen.
Halt und Halterfahrung
Die Orgontik hat sich u.a.
der Frage zugewendet, was eigentlich gemeint ist, wenn wir von „Kontakt“
reden und damit meinen, dass eine bestimmte Qualität von Verbindung
zwischen Menschen existiert. Aus der modernen Säuglingsforschung wissen
wir, dass es Phänomene in der Mutter-Kind-Beziehung gibt, in dem zwar
Berührung, Halt usw. stattfindet, aber kein Kontakt. Bezogen auf das
Feld der modernen Körpertherapien stellte uns das vor die Frage: Was
qualifiziert eigentlich eine körpertherapeutische Intervention als
wirkungsvoll? Dies führte zur Definition des Begriffes „orgontischer
Kontakt“ mit den Elementen: Einstimmung – Gefühlsanklang – vollständige
Zuwendung, die vereinfacht gesagt, darauf hinauslaufen, dass in Kontaktprozessen
immer das Herz beteiligt ist. Aus Platzgründen kann ich dies hier
nicht ausführen, eine ausführliche Diskussion des Kontaktbegriffs
findet sich in meinem Buch „Herz und Halt“.
Erst im orgontischen Kontakt
ist eine Berührung in der Lage, grundlegende Herzcode-Informationen
zu übertragen und aufzunehmen. Die meisten Menschen, das haben einfache
Versuche gezeigt, sind durchaus in der Lage, diese Informationen aus einer
Berührung wahrzunehmen, also z.B. zu unterscheiden, ob eine Berührung
aus dem Gefühl von Zuwendung oder von Ablehnung heraus erfolgt, auch
wenn die rein taktile Qualität identisch ist.
Der körpertherapeutische
Ansatz der seinsorientierten Körpertherapie ist weitgehend dadurch
charakterisiert, dass der Therapeut nicht macht, kein technisches Feuerwerk
am Körper des Klienten entfacht, sondern einfachen körperlichen
Halt anbietet, in dem scheinbar nichts „passiert. Dieses oberflächliche
„Nichts“ ist die Voraussetzung für subtile energetische Reorganisationsprozesse
auf der Herzcode-Ebene.
Wie kann man sich das denn
praktisch vorstellen, werden Sie sich fragen? Nun, z.B. hält der seinsorientierte
Körpertherapeut mit den Händen den Rücken des Klienten in
Herzhöhe, ohne dass etwas gemacht oder gesteuert wird. Dieses einfache
„Nur-da-Sein“, dieses einfache Halten und, von Klientenseite (Herz-) Haltspüren,
hat über kurz oder lang verblüffende Resultate, deren auffälligstes
darin besteht, dass der Klient über kurz oder lang in einen tranceartigen
Zustand gleitet, sich dabei tief entspannt, oftmals tiefer, als er sich
je erinnern kann. Was dies zu bedeuten hat?
Die Orgontik sieht hier einen
Zugang zu frühkindlichen, prä- und perinatalen Seinszuständen,
in denen sich über grundlegende Herzcode-Informationen der Persönlichkeitskern
des Menschen herausbildete, die das grundlegende Lebensgefühl bis
heute bestimmen, sowohl auf der körperlichen als auch auf der seelischen
Ebene. Halt im orgontischen Kontakt ist keine mechanistische, sondern ein
ganzheitliche Erfahrung, sie knüpft an tiefe menschliche Bindungsbedürfnisse
an, die in der frühkindlichen Entwicklungsphase beantwortet oder verneint
wurden.
Die Verneinung führt
zu bürgerkriegsähnlichen Konflikten in der Selbstbeziehung, wie
wir sie oben skizzierten. Die Beantwortung zu Gefühlen von Selbst-Vertrauen,
Vertrauen zu anderen, zu Frieden und Heimat in sich selbst.
Literatur:
Volker Knapp-Diederichs: „Herz
und Halt. Einführung in die seinsorientierte Körpertherapie“.
138 S., DM 20 (inkl. Versandkosten). Buchbestellungen und Informationen
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