Volker Knapp-Diederichs:

Orgontik: Seinsorientierte Körpertherapie – Weg des Herzens, Weg zum Selbst

„Die orale Blockierung ist zwar gelöst, aber meine depressive Grundstruktur hat sich wenig verändert.“ Frau A. hantierte atemlos mit allen Varianten der Psychosprache. Sie erzählte, dass sie seit über 10 Jahren verschiedene Therapien ausprobiert hatte, auch Körpertherapien.
„Ich bin unzufrieden. Warum geht es allen gut, nur mir nicht?“
Ich fragte: „Was halten Sie eigentlich von sich selbst?“
Sie stutzte, ihr Gesicht veränderte sich. Langsam, mit leichtem Zittern in der Stimme, antwortete sie: „Im Grunde mag ich mich nicht. Ich kann mich nicht ertragen, ich funktioniere nicht so, wie ich es will, also halten ... tu ich ... wenig von mir...“
„Und wie reagiert gerade die Stimme Ihres Herzens, wenn Sie so über sich reden?“ Sie blickte mich ratlos an und schluckte. „Die hat sich verkrochen. Die sagt gar nichts mehr.“

Im Verlauf des Gesprächs stellte sich heraus, dass sie in ständigem Kampf mit sich stand. Dieses Phänomen nennen wir in der Orgontik den „innerseelischen Bürgerkrieg“ (ISB). Im ISB manifestiert sich eine aggressive Haltung gegen sich selbst, gegenüber Bereichen der eigenen Person, körperlich und seelisch. Sie findet sich körperlich in der Neigung, „dem Körper seinen Willen aufzuzwingen“, seiner chronischer Überbeanspruchung, Dauerstress, Ausblendung und Missachtung von Körpersignalen. Seelisch in Selbstverachtung, Scham und Selbstbeschämung, verzerrten Selbstwahrnehmungen, grüblerischen inneren Dialogen, schlussendlich: in Ignoranz gegenüber der Stimme des Herzens.

Der ISB erweist sich so als Gegenteil von innerem Frieden und liebevollem Umgangs mit sich selbst. Im ISB wendet sich wechselseitig ein Teil der Persönlichkeit gegen einen anderen. Hauptrollen, die besetzt werden, spielen der innere Erwachsene und das innere Kind, die gleichzeitig als Stimme der Gehirns und Stimme des Herzens beschrieben werden können.
 

Weg des Herzens

Jede am Tun, am Machen orientierte Methode kann dem Leistungsdenken unterworfen werden, es besonders gut machen zu wollen, es besser machen zu wollen als andere usw. Wir sind es schließlich so gewohnt, etwas gut zu machen, etwas zu leisten, daraus Anerkennung zu ziehen, in uns selbst und durch andere. Doch bringt uns das wirklich zu Frieden in uns selbst, macht es uns „zu Frieden“?

Orgontik ist ein neuer Ansatz, Wachstumsprozesse auf der Seinsebene zu ermöglichen. Ihre Psychologie rückt die Selbstbeziehung, also die Art und Weise, wie sich ein Mensch sich auf sich selbst bezieht, in den Mittelpunkt. Ich habe erwähnt, dass die Stimme des inneren Kindes und die Stimme des Herzens von ihrer Funktion her als identisch angesehen werden können und sich häufig im Konflikt mit der Stimme des Erwachsenen und des Gehirns befinden. Viele Menschen reproduzieren damit innerpsychisch genau das, was sie als Kind im Familiensystem erfahren haben: Beschämung, Kontaktlosigkeit, Ablehnung gegenüber ihrer kindlichen Natur und ihres Herzens.
Vielleicht stutzen Sie, wenn in diesem Beitrag von der Stimme des Herzens oder vom Herz die Rede ist. Das ist ja ein Begriff, der gemeinhin in süßlichen Schlagern thematisiert wird.
Normalerweise betrachten wir in unserer gehirndominierten Kultur das Herz als wichtigen Muskel, der gut funktionieren muss, aber das ist meist auch schon alles. Soziale Herzlosigkeit kennzeichnet unsere Gesellschaft ebenso wie eine Tabuisierung des Herzens als seelische Instanz. Ich behaupte, das dass Herz heute ein viel größeres Tabu darstellt als Sexualität, die zudem immer herzloser zu werden scheint.

In anderen Kulturen und in spirituellen Traditionen wird das Herz als Sitz der Seele, des Kerns der Persönlichkeit betrachtet. Und: neue Forschungen aus den USA, die sich mit psychischen Phänomenen bei Herztransplantatempfängern beschäftigen, haben unter dem Begriff „Kardioenergetik“ eine Neubestimmung der Bedeutung des Herzens vorgenommen. Demnach ist das Herz diejenige fundamentale Instanz, die von der Embryonalphase bis zum Tod grundlegende Informationen an das psychophysische System überträgt. Diese sog. Herzcode-Informationen (HCI) beeinflussen jede einzelne Zelle im Körper, ein Leben lang. Man hat gemessen, dass das elektromagnetische Feld des Herzens etwa 3000 mal stärker ist als das des Gehirns. Vieles deutet darauf hin, dass diese HCI weit über die physischen Grenzen des stofflichen Körpers hinausreichen und dort als Information wirken. Die Einbeziehung dieser Qualitäten des Herzens ist eine der Grundlagen der Orgontik.

Die Orgontik sieht hier einen Zugang zu frühkindlichen, prä- und perinatalen Seinszuständen, in denen sich über grundlegende HCI der Persönlichkeitskern des Menschen herausbildete, die das grundlegende Lebensgefühl bis heute bestimmen.

Halt und Halterfahrung

Die Orgontik hat sich u.a. der Frage zugewendet, was eigentlich gemeint ist, wenn wir von „Kontakt“ reden und damit meinen, dass eine bestimmte Qualität von Verbindung zwischen Menschen existiert. Aus der modernen Säuglingsforschung wissen wir, dass es Phänomene in der Mutter-Kind-Beziehung gibt, in dem zwar Berührung, Halt usw. stattfindet, aber kein Kontakt. Bezogen auf das Feld der modernen Körpertherapien stellte uns das vor die Frage: Was qualifiziert eigentlich eine körpertherapeutische Intervention als wirkungsvoll? Dies führte zur Definition des Begriffes „orgontischer Kontakt“ mit den Elementen: Einstimmung – Gefühlsanklang – vollständige Zuwendung, die vereinfacht gesagt, darauf hinauslaufen, dass in Kontaktprozessen immer das Herz beteiligt ist. Aus Platzgründen kann ich dies hier nicht ausführen, eine ausführliche Diskussion des Kontaktbegriffs findet sich in meinem Buch „Herz und Halt“.
Erst im orgontischen Kontakt ist eine Berührung in der Lage, grundlegende Herzcode-Informationen zu übertragen und aufzunehmen. Die meisten Menschen, das haben einfache Versuche gezeigt, sind durchaus in der Lage, diese Informationen aus einer Berührung wahrzunehmen, also z.B. zu unterscheiden, ob eine Berührung aus dem Gefühl von Zuwendung oder von Ablehnung heraus erfolgt, auch wenn die rein taktile Qualität identisch ist.
Der körpertherapeutische Ansatz der seinsorientierten Körpertherapie ist weitgehend dadurch charakterisiert, dass der Therapeut nicht macht, kein technisches Feuerwerk am Körper des Klienten entfacht, sondern einfachen körperlichen Halt anbietet, in dem scheinbar nichts „passiert. Dieses oberflächliche „Nichts“ ist die Voraussetzung für subtile energetische Reorganisationsprozesse auf der Herzcode-Ebene.

Wie kann man sich das denn praktisch vorstellen, werden Sie sich fragen? Nun, z.B. hält der seinsorientierte Körpertherapeut mit den Händen den Rücken des Klienten in Herzhöhe, ohne dass etwas gemacht oder gesteuert wird. Dieses einfache „Nur-da-Sein“, dieses einfache Halten und, von Klientenseite (Herz-) Haltspüren, hat über kurz oder lang verblüffende Resultate, deren auffälligstes darin besteht, dass der Klient über kurz oder lang in einen tranceartigen Zustand gleitet, sich dabei tief entspannt, oftmals tiefer, als er sich je erinnern kann. Was dies zu bedeuten hat?
Die Orgontik sieht hier einen Zugang zu frühkindlichen, prä- und perinatalen Seinszuständen, in denen sich über grundlegende Herzcode-Informationen der Persönlichkeitskern des Menschen herausbildete, die das grundlegende Lebensgefühl bis heute bestimmen, sowohl auf der körperlichen als auch auf der seelischen Ebene. Halt im orgontischen Kontakt ist keine mechanistische, sondern ein ganzheitliche Erfahrung, sie knüpft an tiefe menschliche Bindungsbedürfnisse an, die in der frühkindlichen Entwicklungsphase beantwortet oder verneint wurden.
Die Verneinung führt zu bürgerkriegsähnlichen Konflikten in der Selbstbeziehung, wie wir sie oben skizzierten. Die Beantwortung zu Gefühlen von Selbst-Vertrauen, Vertrauen zu anderen, zu Frieden und Heimat in sich selbst.
 
 

Literatur:
Volker Knapp-Diederichs: „Herz und Halt. Einführung in die seinsorientierte Körpertherapie“. 138 S., DM 20 (inkl. Versandkosten). Buchbestellungen und Informationen zur Orgontik
Büro: Tel. 030 - 43655691 o. Email: vdk@vkdnet.de

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