Wüste Gefühle oder Gefühlswüste?

Alleine mit der Einsamkeit?

Der November ist der Monat des Jahres, in dem die meisten Selbstmorde verübt werden. Die Menschen spüren aufgrund der Jahreszeit ihre innere Einsamkeit mehr und können diesem Gefühl nicht ausweichen und es auch nicht aushalten.

Landläufig wird Einsamkeit und Alleinsein oft gleichgesetzt: wer alleine ist, davon wird ausgegangen, fühlt sich auch einsam. Die Zunahme der Single-Bewegung in den Großstädten hat zu vielen soziologischen und psychologischen Studien geführt und die beiden großen deutschen Magazine Stern und Spiegel haben jeweils seitenlange Studien und Bericht über die Entwicklung der Single-Szene (ca. 40 - 50 % der Menschen leben in Großstädten in Single-Haushalten) gebracht Einhergehend mit dieser Entwicklung wird beobachtet, daß sich die Menschen - insbesondere die Großstädter - immer mehr auf sich selbst beziehen, wenige kontaktfreudig werden, sich zunehmend weniger auf menschliche Beziehungen, die in ihren Augen Enttäuschung, Ärger und vor allem Unsicherheit bedeuten, einlassen wollen. Es gibt viele Kontakt-Agenturen und der neueste Renner ist, daß man sich nun zum Kinobesuch, zum gemeinsamen Abendessen etc. jemanden mieten kann. Man teilt der jeweiligen Agentur seine Interessen und Wünsche mit und wird dann vermittelt an einen Partner/in, mit der die entsprechenden Interessen geteilt werden und kann dann einen netten Abend verbringen. Sex ist ausdrücklich ausgeschlossen.

Möglicherweise auftauchende Probleme sind hier per Vertrag ausgeschlossen: man trifft sich, ißt gemeinsam und trennt sich wieder. Bei Übereinstimmung kann diese Person wieder angemietet werden. Diese so arrangierten Abende versprechen garantiert Erfolg: Stressfrei, kein Einlassen und keine Auseinandersetzung nötig, einfach nur entspannend nach einem anstrengenden Arbeitstag oder Arbeitswoche. Eine geniale Idee, einfach gelungen. Da braucht man sich nicht allein und einsam zu fühlen, man kann sich ganz nach Lust und Laune immer jemanden buchen, wenn man nicht alleine sein will. So entgeht man dem Alleinsein und der Einsamkeit.

Mehr und mehr ins Licht der Öffentlichkeit rückt auch das Bewußtsein um die allgemein Zunahme von mangelndem Sozialverhalten und verstärktem egoistischen Verhalten. Beides wird gesehen als eine zwangsläufige Folge der sich verändernden Sozialstruktur, z.B. werden wegen kleiner Fehler im Fahrverhalten Menschen umgebracht; weil der Apfelbaum über den Zaun ragt, werden Nachbarn erschossen; Leichen liegen monatelang bzw. jahrelang in Wohnungen, bevor sie entdeckt werden. Diese Verhaltensweisen sind leider keine Einzelerscheinungen mehr, sondern gehören wegen ihrer steigenden Tendenz schon fast zum Alltag und spiegeln die zunehmende Vereinsamung in der Gesellschaft wider.

Alleinsein und Einsamkeit sind jedoch zwei völlig unterschiedliche Erfahrungen und Einstellungen. Alleinsein bedeutet, daß man im Augenblick ohne einen Menschen ist und das aus einer freiwilligen inneren Entscheidung und nicht aus Schutz, Trotz oder einer Angstreaktion heraus. Aber auch im Falle eines unfreiwilligen Alleinseins löst das bei Menschen, die von innen heraus leben, keine Panik oder Zerissenheit aus, die sofort überspielt werden muß.

Ein Gefühl von Einsamkeit entsteht dann, wenn man sich von anderen und/oder sich selbst innerlich getrennt fühlt; mit der umgebenden Umwelt nicht innerlich verbunden fühlt. Gefühle von Einsamkeit verursachen wiederum Resignation, Zynismus, Enttäuschung über die Menschen und die Welt. Aussagen „Es lohnt sich nicht“, „Es ist doch immer dasselbe“, „Ich bin von Menschen enttäuscht“ sind Aussagen, die dem Gefühlsstand der Einsamkeit entsprechen. Bei solchen Äußerungen werden nicht nur die eigenen unbewußten Gefühle vergewaltigt und mißbraucht, sondern auch die Gefühle der anderen. Man schafft sich selbst seinen eigenen Teufelskreis, aus dem es nur schwer ein Entkommen gibt.

Hier werden Ursache und Wirkung verwechselt, bzw. miteinander vermischt. Der innere Rückzug, die innere Enttäuschung werden als Reaktion auf das „böse“ verhalten der anderen gesehen, als inneren Schutz sozusagen, daß einem so etwas nicht noch einmal passiert. Das „Außen“ verursacht das eigene Verhalten, man kapselt sich vom Außen ab, um sich vor dem Außen zu schützen. Die inneren Zusammenhänge werden nicht gesehen. Den meisten Menschen passiert nicht mehr oder weniger im Außen als anderen. Entscheidend ist nicht das, was im Außen passiert, sondern wie man auf die äußeren Umstände reagiert. Das hängt ausschließlich von der inneren Einstellung zu sich, der Umwelt, den Menschen und dem Leben an sich ab.

Im Alltag leben wir an der Oberfläche unseres Daseins. Wir haben uns den Notwendigkeiten und Abhängigkeiten der Welt zugewandt und nehmen die äußeren Werte als Maßstab für unsere inneren Überzeugungen.

Je sicherer wir uns in der äußeren Welt fühlen, desto mehr sind wir davon überzeugt, daß diese äußeren Werte allgemeingültig auch für innere Werte sind und setzen diese als Norm für alles. Auf das Erkennen und die Bedeutung von inneren Werten konzentrieren wir uns in der Regel nur dann, wenn wir durch Schicksalsschläge, Krankheiten oder emotionale Konflikte gezwungen sind, neue Betrachtungs- und Verhaltensweisen zu suchen und zu finden. Dann lernen wir uns und unsere inneren Widerstände besser kennen. Menschen, die sich voll bewußt sind, nicht nur auf der leiblichen, sondern auch auf der geistigen und spirituellen Ebene, sind sich selbst gegenwärtig und leben aus sich selbst heraus, auch wenn sie Unterstützung von außen, z.B. durch Religion oder eine andere Form der spirituellen Anbindung, wahrnehmen. Sie gewinnen an Kraft durch den Prozeß des „Sich-selbst-Kennenlernens“ auf allen Ebenen und setzen nicht mehr alle Kraft in die Bewältigung der äußeren Umstände ein, sondern versuchen, sich auf die Energien des eigenen, wahren Selbst zu konzentrieren. Dieses weitere vertiefte Kennenlernen stärkt die Kraft des Selbst und sie können zunehmend aus der eigenen Kraft, aus ihrer eigenen Mitte heraus ihre Arbeit und ihr Leben gestalten.

Wenn diese Menschen alleine leben, kennen sie keine Gefühle der Einsamkeit, auch wenn sie alleine sind. Alleinsein ist hier ein notwendiger Schritt zur Regeneration: sich selbst weiter kennenzulernen, den Alltag verarbeiten zu können, sich wieder zu finden.

Wir leben in einer Gesellschaftsform, die sehr auf das Äußere gerichtet ist, in der das Äußere sogar das Maß aller Dinge ist. Die oben beschriebenen gesellschaftlichen Phänomene sowie die z.B. von Gudrun Ornth Sümenicht beschriebenen Verhaltensweisen des Esoteriktourismus sind Ausdrucksformen von innerer Einsamkeit.

Innere Einsamkeit läßt uns zum Egoisten werden, welches inzwischen auch als gesellschaftliches Problem wahrgenommen wird und worüber in vielen Magazinen (Stern, Spiegel, Psychologie Heute) berichtet wird. „Egoiste“ ein neues weltweit aufwendig vermarktetes Parfüm, kreiert für den freien, unabhängigen Mann, spiegelt diese Entwicklung wider.

Der Einsamkeit entfliehen wir durch ein Unzahl von äußeren Aktivitäten um unsere Bedürftigkeit und Abhängigkeit von Anerkennung, Zerstreuung und Unterhaltung nicht zu spüren. Trotzdem fühlen wir uns oft unter Freunden am meisten einsam, da wir nicht wirklich über unsere tiefen Bedürfnisse kommunizieren, sondern uns auf der diesen Bedürfnissen vorgelagerten Ebene zerstreuen, ablenken. Viele von uns wissen nicht um unsere innere Leere, um unsere tiefsten Gefühle und Bedürfnisse. Manche ahnen es vielleicht, können aber den Streß des Wissens nicht aushalten und ziehen deshalb die Zerstreuung und Ablenkung vor.

Wir haben uns von uns selbst entfremdet. Wir leben auf der Oberfläche des uns möglichen Daseins, sind innerlich abgeschnitten von unseren tiefen Gefühlen, unserer Einbindung an die Energien der Erde und noch mehr von den Energien des Kosmos, zu dem wir auch gehören.

Die Mentalität des Habens, die in der Ausgabe Sommer '96 der espacio time beschrieben wurde, ist eine Folge unserer Entfremdung, nicht jedoch die Ursache. Eine Entwicklung zum Bewußtsein des Seins bedeutet eine Entwicklung zu uns selbst, zum eigenen inneren Verständnis, zur Überwindung der inneren Leere und Angst, des Überkommens unserer Blockaden und damit zur Annahme der Realität und Wirklichkeit. Erst wenn wir dazu in der Lage sind, können wir lernen, mit der Wirklichkeit umzugehen und als Folge davon unser Potential zu leben.

Bei all den Ansätzen z.B. in Therapien und Ausbildungen, in der New Age Bewegung, die das zwar verbal versprechen, aber inhaltlich nicht durchhalten, sondern uns z.B. Harmonie, Glückseeligkeit, ewiges Licht versprechen, vergeht dieses leichte, glückliche Gefühl schnell, wenn man/frau wieder zu Hause ist. Die alte Schwere und Leere holt einen im Alltag wieder ein. Dieses wird nun als der Einfluß von negativen Energien bezeichnet, mit denen wir noch nicht fertig werden und wir buchen den nächsten Kurs, um noch besser zu lernen, solche Energien „abzuschütteln“, nicht an uns „herankommen zu lassen“. Es entsteht ein Kreislauf ohne Ende, genährt von unserer Hoffnung, irgendwann den alten Ballast unserer Einsamkeit und Schwere loszuwerden. Zudem können wir leicht von diesen Glückseeligkeitsgefühlen abhängig werden.

Wir werden so nun Spielball unserer unbewußten Gefühle. Wir handeln zwar eigenverantwortlich, aber nur aus einer bestimmten Ebene heraus: den Energien des „Weg-haben-Wollens“ und ernähren somit unsere Illusion, daß dieses möglich ist.

Die nächst tiefere Ebenen unseres Seins lassen wir damit unberührt und tricksen uns so selber aus. Das Erfahren der eigenen Einsamkeit ist die Voraussetzung und ein wichtiger Prozeß zur Selbsterkenntnis und somit zur Selbstannahme.

Dieser Prozeß ist nicht - wovor wir alle Angst haben - selbstzerstörerisch, sondern hat genau den gegenteiligen Effekt: er gibt uns Kraft und Energie, da er festhaltende Energien, wie z.B. Angst, Versagen, mangelnden Selbstwert, freisetzt und uns dadurch die Kreativität gibt, unser Leben von innen her anzupacken und nicht vor dem unbewußten Dunklen in uns wegzulaufen.

Einsamkeit ist der Ausdruck eines auf tiefen Ebenen nicht verbundenen, d.h. nicht vernetzten Energiefeldes: wir sind nicht in uns vernetzt und auch nicht mit unserer Umwelt, der Erde und dem Kosmos. Wenn wir unsere spirituelle Heimat noch nicht gefunden haben, fühlen wir uns einsam, leer, abgetrennt. Diese Heimat liegt jedoch zunächst in uns, nicht außerhalb. Erst wenn wir die innere Heimat gefunden haben, sind wir in der Lage, uns gleichberechtigt mit der äußeren Welt zu verbinden und unsere Vernetzung mit Umwelt, Erde und Kosmos zu erfahren.

Christa Muths
B.Sc., M.A., M. Sc.,
Leiterin espacio,
Int. Centre for Holistic Studies
Herausgeberin Treff-Räume espacio time

zurück

© Copyright: Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Herausgebers.